Mein Baby hat seit zwei Wochen Landeerlaubnis. Wir haben die Schallgrenze zur 37. SSW durchbrochen, in den nächsten Wochen dürfen wir uns irgendwann mal auf die GeburtsReise zusammen machen.

Landeerlaubnis? Das erinnert mich an einen Spruch von meinem Vater, den er mir immer sagt, wenn ich mich in ein Flugzeug begebe: „Keine Angst Liebes, es ist schon immer jedes Flugzeug vom Himmel runter gekommen!“ Einen kurzen Moment frage ich mich, wie ich genau JETZT auf das Thema fliegen komme. Und dann hab ich diesen Gedankenblitz:

Genau! Jedes Flugzeug kommt irgendwann mal runter, es bleibt nur die Frage, wie es landet! Und jedes Kind wird irgendwann mal geboren, es bleibt nur die Frage, wie es geboren wird!

Eine sanfte Landung ist von vielen Faktoren abhängig: der Lage und Beschaffenheit der Landebahn, dem KnowHow und der Zusammenarbeit von Pilot und Copilot, den Wetterverhältnissen, der Kompetenz der Luftüberwachung.

Manche Piloten haben sich auf Langstreckenflüge spezialisiert, andere bevorzugen Kurzstrecken.

Flugrouten werden ganz genau berechnet, vor dem Start wird jeder Knopf und jede Funktion abgecheckt, der Treibstoff wird in der richtigen Menge eingefüllt. Und doch finden wir wohl in jedem Flug zwei drei Passagiere, die eine mulmiges Gefühl im Bauch haben, sich dem Ganzen ausgeliefert fühlen und einfach nur froh sind, wenn alles vorüber ist und sie sanft am Zielort landen dürfen, denn trotz allen Vorsichtsmassnahmen, Sicherheiten und Berechnungen gibt es immer wieder unsanfte Landungen, Wendungen, Luftlöcher und Turbulenzen.

Langsam gefällt mir dieser Vergleich mit dem Flugzeug.

Für unsere Geburtsreise habe ich mir als Landebahn das Geburtshaus ausgesucht, mich als Pilot mit der Route auseinander gesetzt, mir Gedanken darüber gemacht, wie ich im Cockpit agieren möchte. Was brauche ich, um mich im Cockpit, in meinem Körper wohl zu fühlen, was brauche ich, um mich mit jedem einzelnen Knopf verbinden zu können, mich eins mit der Schaltzentrale zu fühlen?

Mein Baby, das ist mein Copilot. unsere Kommunikation ist die weltbeste! Die Funkverbindung steht, und wir fragen uns immer wieder gegenseitig, wie es uns so geht. Wir vertrauen uns, wissen, dass wir diese Reise zusammen angehen werden und freuen uns darauf.

Den Fluglotsen, unsere Hebamme haben wir schon lange Zeit vor dem Systemcheck ausgesucht, und wir haben sie über unsere Wunschroute und Pläne genaustens informiert.

Mein Copilot und ich hatten nämlich keine Lust darauf, mit irgend einer anonymen Stimme aus dem Tower zu kommunizieren, weshalb wir beschlossen haben, unseren Lotsen richtig kennen zu lernen, damit er unsere Navigation und Landewünsche studieren kann, und uns optimal durch die Landung führt. Eigentlich muss unser Lotse nur eines machen: Unsere Wunschlandebahn für uns frei halten.

Ach ja, und dann ist da noch der Steward, der Papa, er wird für unser Wohl sorgen während der Reise, und zum Wohl der Passagiere.

Ich hab keine Angst vor dem Fliegen. Und vor dem Gebären auch nicht. Irgendwann werde ich merken, dass es für meinen Copiloten und mich an der Zeit sein wird, abzuheben. Im Moment befinden wir uns noch in der CheckingPhase, überprüfen alle Systeme, machen uns mit dem Cockpit, der Landebahn und der Navigation vertraut, legen die Route für unsere Reise fest. Wir fühlen uns sicher zusammen, unsere Kommunikation funktioniert und der Fluglotse, in diesem Fall unsere Hebamme, ist auch auf uns abgestimmt.

Und trotzdem wird dieser Flug ein spezieller sein: denn irgendwann werde ich den Steuerknüppel meinem Copiloten übergeben müssen. Und ich weiss, jede Reise ist eine andere. Jede Reise hat sein Unvorhersehbares, egal, wie oft wir sie schon bestritten haben, egal, wie sicher oder gefährlich die Route und die Landebahn sein werden.

Ist es nicht genau dieser Umstand, der den Wendepunkt Geburt zu einem so speziellen macht? Wir steigen irgendwo ein mit einem dicken Bauch und landen irgendwo mit einem Baby auf dem Arm. Was dazwischen geschieht, wie die Reise aussehen wird können wir uns visualisieren, herbei wünschen, wir können uns Sicherheit verschaffen indem wir trainieren, Informationen sammeln, uns mit allen Beteiligten absprechen und die Instrumente im Cockpit richtig bedienen lernen.

Aber das, was die Reise mit uns macht, was dieser Wendepunkt mit uns macht und wie er sich für uns anfühlen wird, darauf haben wir nur begrenzt Einfluss.

Darum bin ich auch vor meiner dritten Reise etwas hibbelig, ich freue mich auf den Start, das Abheben, das Schweben in der Luft, aber ich lasse es offen, ich bin offen, was mir diese eine Reise zeigen möchte. Ich weiss, genau so wie meine letzten beiden Geburten wird auch diese Geburtsreise ihre ganz eigene Geschichte erzählen. Ich lasse es geschehen und werde geniessen.

Und irgendwann, irgendwann ist es an der Zeit, dass meine Copilotin den Steuerknüppel übernehmen wird. Auf diesen magischen Moment freue ich mich am meisten. Es ist der Augenblick, wenn mein Baby in meinen Armen liegt und sein Wendepunkt Leben beginnt, dann, wenn es das Steuer übernimmt und mich mit diesen offenen, wachen Augen das erste Mal anschaut, dann, wenn ich es bei uns willkommen heissen darf.

In diesem Augenblick macht sich dieser unsagbar grosse Stolz breit, dass wir es zusammen geschafft haben, mein Flugteam und ich, allen voran meine Copilotin, und wir wissen, unsere Reise geht weiter, sie hat erst begonnen, mit diesem wunderschönen, einmaligen Flug durch unseren Wendepunkt Geburt.

Diesen Text findet ihr neben weiteren wunderschönen Beiträgen von ganz wundervollen Frauen in der neusten Ausgabe des Online Heftes the birth journey. Rein schauen lohnt sich!

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