Die Geburt meiner jüngsten Tochter liegt nun etwas mehr als fünf Wochen zurück, und ganz ehrlich, ich wollte eigentlich nicht darüber schreiben. Nicht, weil ich ein schlechtes Geburtserlebnis hatte, sondern weil ich diesen besonderen Moment für mich behalten wollte, weil er so heilig, so speziell war. Und vielleicht ist gerade  diese Erkenntnis nun der Grund, weshalb ich trotzdem von dieser Geburt schreibe, denn jede Frau, die Mama wird kann sich ihren GeburtsRaum schöpfen, ihn wahren um auf der Geburtsreise ganz auf zu gehn.

Geburt beginnt schon ganz ganz früh. Rein theoretisch finde ich das total komisch, dass wir Schwangerschaft und Geburt so extrem von einander trennen. Denn für mich ist beides ganz stark miteinander verbunden. Jede Schwangerschaft zeigt uns gewisse Themen, und manchmal können wir in den neun Monaten schon spüren, wie die Geburt wohl werden wird. Wenn wir unsere Antennen ausrichten, wenn wir ganz genau in uns hinein spüren, dann können wir in der Schwangerschaft und während der Geburt schon einiges vom Wesen unseres Kindes mit bekommen.

Lustige Gegebenheiten. In meiner letzten Schwangerschaft haben sich meine Frauenärztin und meine Hebamme die Vorsorgeuntersuchungen geteilt. Ob ich nun bei der Ärztin oder bei meiner Hebamme einen Termin zur Vorsorge hatte, eines blieb sich fast jedes Mal gleich: Entweder der Termin musste verschoben werden, er ging vergessen, oder wir mussten nochmals abmachen, weil die gewünschten Resultate nicht lesbar waren. Ich wusste, dass genau DAS ein Zeichen war, genau DAS wollte mir ETWAS sagen. Ich wusste einfach (noch) nicht was.

Frühmorgens um 2 Uhr. Das war meine Zeit. Oder besser gesagt unsere Zeit. Pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk wachte ich im späteren Verlauf meiner Schwangerschaft immer dann auf. Meistens war die Kleine dann immer wach. Oder meine Blase voll. Oder mein IschiasNerv meldete sich. Oder, zu guter letzt; ich hatte Vorwehen. Und davon hatte ich seeeeehr viele in dieser Schwangerschaft.

Sie haben mir fast den Verstand geraubt. Gefühlte tausend Mal fand ich mich auf unserer Terrasse wieder, mit den Ohrstöpseln im Ohr, Becken kreisend, tanzend Mantras singend und Wehen veratmend. Gefühlte tausend Mal liess ich mitten in der Nacht ein heisses Bad ein, um danach wieder ins Bett zu gehen, weil alles wieder ruhig wurde.

Mantras, mein Anker. Ich liebe Mantras. Sie geben Kraft, sie geben Halt. Sie lassen den Körper schwingen und sie haben mich geerdet. Ich denke heute sehr gerne an diese tanzenden, singenden MantraSessions mitten in der Nacht unter dem Sternenhimmel, im Mondschein zurück, sie waren so kraftvoll. Sie waren so wichtig für mich und die Kleine. Es war unsere Zeit. Es war unsere Zeit nur für uns zwei. Wir waren eins. Heute weiss ich, sie hat sich einfach meine volle Aufmerksamkeit genommen. Unter dem ganzen Rummel tagsüber war es immer still. 2 Uhr morgens wurde so zu unserer gemeinsamen Zeit. Unser Geburtssoundtrack lief tagein tagaus. Die beiden grossen haben auch damit angefangen, fröhlich mit zu singen. Prem Siri von Nirinjan Kaur war unsere Musik. Und ich wusste, wenn es soweit sein wird, dann werde ich zu dem Lied Puta Mata Ki Asees unser drittes Wunder gebären. Unser ältester Sohn hat dieses Mantra in der Nacht der Geburt zum Einschlafen gesungen, als hätte er gewusst, was passieren wird. Das Lied ist ein Gebet von der Mutter an das Kind, ein Segenspruch. Für die, die ich jetzt glustig gemacht habe, ihr könnt das Lied hier anhören:

Die Hauptprobe lief ziemlich schief… Man könnte meinen, dass wenn frau zum dritten Mal gebärt weiss, wann und wie es los geht. So wachte ich wieder mal frühmorgens um zwei Uhr mit Wehen auf, die  regelmässig waren und immer mehr wurden. Wir fuhren also ins Geburtshaus, nur leider hatte ich nur oberflächliche Wehen. Wenn ich stand oder ging war mein Bauch steinhart, kaum legte ich mich hin war er weich wie Pudding und es wurde ruhig. Also gingen wir wieder nach Hause. Ich verstand ganz langsam, dass sich die lustigen Gegebenheiten bis in die Geburt ziehen werden. Ich versuchte nicht zu werten. Und ich merkte, ich brauchte Ruhe. Wir brauchten Ruhe. Also hab ich alles, was ich absagen konnte abgesagt. Und mich auf uns konzentriert. Auf mich konzentriert. Ich wollte alleine sein.

Das, was wir brauchten war Erdung. Also zog es uns in den Wald, in die Natur. Jeden Tag ging ich mit den grossen beiden und dem Kugelbauch in den Wald spazieren, hab mich auf meine Füsse und den Boden konzentriert.

Am 21.4. morgens um 2.00 Uhr überkam mich eine Welle, ein undefinierbarer Schmerz, der mich aus dem Schlaf riss. Ich musste nicht auf die Uhr schauen, ich wusste was für Zeit es war. Ich versuchte weiter zu schlafen und merkte, dass ich regelmässig Wehen hatte. Also liess ich mir wieder mal ein heisses Bad ein und merkte, dass die Wehen blieben. Und stärker wurden. Juhuuu! Ging es nun endlich los? Langsam weckte ich meinen Mann, machten wir uns bereit für die Fahrt ins Geburtshaus, riefen die Hebamme an. Meine Schwiegermama trudelte ein um bei den beiden grossen Kindern zu sein.

Die Fahrt ins Geburtshaus war wunderschön. Die Nacht war klar,es war fast Vollmond, die Landschaft erschien mystisch in Mondlicht getaucht. Wir fanden es einfach nur wow. Und haben uns gefreut, dass an einem solchen Tag unsere kleinste Tochter auf die Welt kommen darf.

Die Sache mit dem Schmerz. Mittlerweile weiss ich,  dass es viele Frauen gibt, die schmerzfrei gebären können. In meiner ersten Schwangerschaft, bevor ich mich mit Hypnobirthing beschäftigt habe, konnte ich mir das beim besten Willen nicht vorstellen. Ich merkte, wie tief die Glaubenssätze über schmerzvolle Geburten auch in mir verankert waren. Und mir wurde bewusst, dass ich diese verändern muss. Ich weiss, wie uns dieser Glauben, diese „alte Geburtskultur“ die in unseren Köpfen noch vorherrscht, manipulieren kann. Ich entschloss mich, meinen Weg zu gehen.

Hypnobirthing ist eine tolle Sache, aber für mich war es  zu stur. Ich hatte keine Lust, ein neues Vokabular zu lernen. Eine Welle ist ein schöner Ausdruck für eine Wehe, aber es blieb eine Wehe, auch wenn ich sie Welle nannte. Ich schreibe also heute immer noch von Wehen, für mich haben sie einfach eine andere Bedeutung. Hypnobirthing war für mich zu sehr ein Rezept, welches irgendwie nicht zu mir passte. Ich wollte einfach nur bei mir sein, präsent sein, die Wehen annehmen und wieder los lassen können. Denn ich brauche diese Empfindung. Ich brauche etwas Schmerz, damit ich spürte, was vor sich geht. Ich für mich wollte nicht schmerzfrei gebären, ich wollte so gebären, dass der Schmerz nicht mein Feind ist, sondern ich liess ihn kommen, und wieder gehen. Er nahm mich nicht mit, er floss einfach durch mich hindurch. 

Und doch habe ich mich und meinen Körper so ganz  unbewusst (oder war es doch bewusst?) vom Schmerz befreit, wir gaben ihm keine Angriffsfläche, wir gaben keinen Widerstand, an dem er sich hätte andocken können. Nein er war gezwungen, einfach nur durch uns hindurch zu fliessen und das hat er gemacht, Wehe um Wehe. Er kam, fliess durch und verschwand wieder. Wir waren nicht sein Sklave, sondern wir hatten ihn in der Hand. Wir liessen ihm keinen Handlungspielraum, ausser dass er widerstandslos durch uns hindurch fliessen durfte. Er hatte keine Macht über uns.

Mit dabei: mein Soundtrack. Es war das erste Mal, dass ich mit Musik geboren habe. Unser Lied wurde zu unserem Anker. In jeder Wehenpause konnte ich mit den Mantras mit gehen, ich fing an, mit zu singen, war im Jetzt. Und Jetzt war ruhig. Jetzt war so kraftvoll. Jetzt war klar. Jetzt war Liebe. Jetzt war ich da, in meiner Wanne, präsent. Jetzt war alles offen und im Fluss. Jetzt fühlte ich mich getragen, Jetzt spürte ich grenzenloses Vertrauen. In mich, mein Kind, in meinen Körper. Jetzt war perfekt.

Und da war noch mein Mann. Er war einfach nur da, hielt mich, schaute mir in die Augen, war bei mir. Und ich spürte dieses Band zwischen uns, diese Liebe die uns verbindet. Ich spürte, wie viel Veränderung auch für ihn in diesem Moment lag. Wir weinten zusammen. Wir weinten weil wir so berührt waren von diesem Augenblick, weil wir so dankbar für das waren, was wir hatten: einander, unsere Liebe, unsere Familie, unser kleines, perfektes Universum. Und bald hielten wir unsere kleinste in den Armen.

Geburt ist ein Wunder. Sie spielt sich nicht nur körperlich ab, es geht nicht nur darum, wie weit offen die Gebärende nun ist und wie lange es wohl noch dauert. Zwischen den Zeilen passiert so viel. Es fühlt sich für mich an, dass sich in diesem Augenblick ein Tor öffnet. Ein Tor in eine andere Dimension, in eine andere Welt. Durch dieses Tor gehen alle beteiligten. Nicht nur ein Baby wird geboren, auch eine Mama und ein Papa. Jedes Mal. Und genau das gilt es zu wahren, diesen heiligen Raum, der sich auf tut. Dieser unbeschreiblich schöne Moment, wenn dieses neue Leben hier bei uns ankommt.

Ich wünsche mir, dass uns Mamas bewusst wird, dass WIR die Gestalterinnen von unserem Geburtserlebnis sind. Ich wünsche mir, dass wir die Augen öffnen für unseren Geburtsraum, dass wir erkennen können, was wir brauchen, um uns darin wohl zu fühlen und auf zu gehen.

Ich wünsche mir, dass wir unsere Antennen bald auch auf das ausrichten können, was zwischen den Zeilen geschieht. Dass wir spüren können, dass da noch mehr ist. Dass wir den Gebärenden den Raum geben können, den sie brauchen, um ihr Kind sanft und voller Vertrauen hier bei uns ankommen zu lassen.

Ich wünsche mir Ärzte und Hebammen, die diesen Raum spüren können, die ihn mit Respekt behandeln und ihn zum Wohle von ihren Patienten wahren können.

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