„Meine Geburt war ganz anders als ich mir das vorgestellt habe!“ ich bin schon ziemlich oft über diesen Satz gestolpert. Die Frauen, die ihn sagen, haben sich meistens die Geburt etwas einfacher vorgestellt. Oft wird der Satz noch etwas relativiert mit dem Zusatz: „so ergeht es ja allen Frauen, so wie mir.“

Wie stellen wir uns denn unsere Geburten so vor? Wer sich mit Hypnobirthing auskennt, der weiss, dass genau diese Methode mit der Visualisierung deiner Wunschgeburt arbeitet. Frau lernt sich positiv zu konditionieren, eine Wehe wird zur Welle, das Kind wird nicht aus dem Becken gepresst sondern heraus geatmet. Für mich ist diese Methode toll. Sie hat für mich funktioniert, am Anfang etwas weniger, mit der Zeit immer mehr. Ich hab Hypnobirthing für mich einfach noch ein bisschen modifiziert und angepasst. Es gibt aber auch Frauen, bei denen das Visualisieren scheitert. Wieso?

Ein kleiner Rückblick. In meiner ersten Schwangerschaft bin ich zum ersten Mal auf Hypnobirthing gestossen. Ich habe mir das Buch von Marie Mongan gekauft und hab mich darauf hin zu einem Hypnobirthing Geburtsvorbereitungskurs angemeldet. Ich fand die Idee toll, dass Frau tatsächlich schmerzfrei und entspannt gebären kann. Ich lernte, meine Traumgeburt zu visualisieren, habe mir ein Geburtsdrehbuch geschrieben mit jedem Detail. Nur tief in meinem Innern war da immer wieder diese Unsicherheit, es stellte sich mir immer wieder die Frage: ist denn das tatsächlich möglich? Ich wusste ja nicht, wie gebären funktioniert, ich hatte keine Ahnung davon, wie sich Wehen anfühlten, ich wusste nicht, wie ich damit umgehen würde. 

Am Anfang fand ich die Idee hinter Hypnobirthing sehr abstrakt.Wie sollte das funktionierten? Heute weiss ich, dass mein Kopf mir immer wieder dazwischen gefunkt hat. Heute weiss ich, wie tief verwurzelt meine Glaubenssätze und Ängste waren. Ich musste lernen, mir die Erlaubnis zu geben, ein schönes Geburtserlebnis zu haben. Damals bei meinem Sohn hab ich mich also meiner Meinung nach intensiv vorbereitet, mein Frauenarzt, der mich begleiten sollte zur Geburt kannte meinen Geburtsplan und ich habe immer wieder das Atmen geübt und Gebären visualisiert.

Es kam aber wie es anscheinend bei jeder Frau kommt: ganz anders. Mein Arzt war in den Ferien und ich verlor tröpfchenweise Fruchtwasser. Deshalb fuhren wir in das Krankenhaus, wo ich gebären sollte, um das abzuklären. Was soll ich sagen, ja ich verlor Fruchtwasser und ja klar, sie haben mich gleich dort behalten und mir vorgeschlagen, die Geburt sanft einzuleiten, da ich schon mehr als 24h Fruchtwasser verlor. Damals musste ich heulen, ich wusste nicht ganz genau wieso, heute weiss ich es. Die ganze Geburtsgeschichte kann ich jetzt nicht schreiben, sonst würde mein Text zu lange werden. Ich fasse kurz zusammen: Einleitung mit Cytotec bei vollkonnen geschlossenem Muttermund, Kind kam nach 36h zur Welt. Etwa vier Stunden vor der Geburt liess ich mir eine PDA verpassen, weil ich einfach zu müde war für diese synthetischen Wehen. (Die PDA hatte nur noch eine psychologische Wirkung, das weiss ich heute.) Man könnte jetzt meinen, das ganze HypnobirthingDing hat in diesem Fall nicht gewirkt. Für mich schon. Ich war unglaublich stolz auf mich, dass ich 36h durchgehalten hab. Ich war stolz auf mich, dass ich keinen Kaiserschnitt brauchte und dass ich mein Kind natürlich geboren hab. Zwar mit PDA, aber immernoch natürlich. Ich fühlte mich selbstbestimmt (bitte nicht lachen). Heute weiss ich, dass es noch selbstbestimmter geht.

Bald wurde ich wieder schwanger und ich machte mir wieder Gedanken daüber, wie ich die Geburt erleben möchte. Ich hätte zu dem Zeitpunkt sagen können, es kommt sowieso ganz anders als man sich das vorstellt. Ich hätte sagen können, wenn es so kommt wie in der letzten Geburt ist es ok. Aber ich wollte mehr. Mein Ehrgeiz wurde geweckt und so hab ich mich noch intensiver vorbereitet. Bin in mich gegangen, wollte heraus finden, was mir im Weg stand. Wieder las ich das Hypnobirthing Buch als Auffrischung und merkte, dass ein paar Dinge für mich nicht ganz stimmig waren. Eine Wehe war zum Beispiel für mich immer noch eine Wehe, auch wenn ich sie Welle nennen würde, es war trotzdem eine Wehe. Wieso sollte ich sie also Welle nennen und von meiner Hebamme verlangen, dass sie das Wort Wehe nicht in den Mund nimmt? Also fing ich an, meinen ganz eigenen Weg heraus zu finden.

Ich wusste was ich nicht wollte:

  • keine synthetischen Wehen
  • keine PDA
  • keine Schmerzmittel
  • keinen Dammschnitt
  • keinen unsympathischen Ärzte, die mich nicht kannten und mir trotzdem sagten was ich zu tun oder zu lassen hatte

 

Und ich wusste, was ich wollte:

  • endlich im Wasser gebären
  • Meine Geburt durchziehen
  • Meinen Raum wahren, bei mir bleiben
  • so lange wie möglich zu Hause bleiben, bevor ich ins Spital gehe
  • ich wollte Vertrauen in mich, mein Kind und meinen Körper
  • ich wollte selbstbestimmt gebären. Im Spital. (Das muss kein Widerspruch sein)

Ich hab wieder angefangen, ein Drehbuch zu schreiben, ich habe angefangen, mit meinem Baby zu reden. Ich hab meiner Tochter einen Brief geschrieben, in dem ich sie zu unserer Geburt eingeladen habe. In dem Brief stand ganz genau, wie ich mir das so vorstelle. Vor ein paar Wochen habe ich diesen Brief wieder gefunden. Ich staunte nicht schlecht, als mir bewusst wurde, dass unsere Geburt genau so war wie beschrieben. Ich hatte eine tolle Geburt. Im Wasser. Selbstbestimmt. Die Belegshebamme hatte nichts zu tun ausser das Wasser für die Wanne einzulassen. Sie war einfach nur da. Mein Arzt war ebenfalls da und hat alle meine Wünsche berücksichtigt, hat meinen Raum gewahrt. Er hat geschaut, dass das Licht gedämpft ist und die Nabelschnur auspulsieren lassen. Ich habe kein einziges Medikament zu mir genommen, ich hatte keine PDA. Und ich habe praktisch schmerzfrei geboren.

Das brachte meine erste Geburtserfahrung so ziemlich ins Wanken. Plötzlich fand ich diese Geburt doch nicht mehr so toll. Ich fing an, so einiges zu hinterfragen. Mir wurde bewusst, dass es auch anders hätte kommen können. Mir wurde bewusst, dass ich meine Selbstverantwortung irgendwann in diesen 36h abgegeben hab. Nicht ganz, aber zu einem ziemlich grossen Teil. Aber es war so wie es war. Ich kann es nicht mehr ändern. Und diese Geburt hatte ihre Berechtigung. Ich hätte viele wichtige Erfahrungen nicht gemacht, wären sie nicht gewesen.

Ich kenne heute den Unterschied zwischen synthetischen und natürlichen Wehen. Ich weiss, wie sich eine PDA anfühlt und ich weiss wie es sich der Geburtskanal im wachen Zustand anfühlt, kurz bevor das Kind geboren wird. Ich weiss, dass Schmerzmittel so einiges durcheinander bringen können, sie haben mich entmündigt. Ich weiss, dass man ein Kind nicht hinaus pressen muss. Ich weiss, dass es Vertrauen braucht um selbstbestimmt zu gebären. Und ich weiss, um im Krankenhaus selbstbestimmt gebären zu können braucht es eine ziemlich grosse Portion an Durchsetzungsvermögen.

Wir können uns die schönsten Geburten vorstellen, aber das alles bringt nichts, wenn wir uns nicht die Erlaubnis dazu geben, wenn uns schmerzfreies Gebären zu abstrakt vor kommt.  Die Geburt kann uns niemand ab nehmen, auch wenn wir uns für einen Wunschkaiserschnitt entscheiden, wie wir nachher damit umgehen, das ist und bleibt unsere ganz eigene Sache. Wir können nach einer verkackten Geburt den Kopf in den Sand setzen und uns sagen es kommt halt immer anders als man denkt, mal schauen, wie es das nächste mal kommt. Oder wir können uns bewusst wieder daran machen, unsere eigene Realität zu schaffen. Was wir dazu brauchen kann ganz unterschiedlich sein. Es kann sein, dass wir noch einiges zum Aufarbeiten haben, dass wir noch einige Muster, Glaubenssätze und Ängste erkennen und los lassen müssen. Das gibt Arbeit. Aber es ist auch ein Weg zu Freiheit, ein Weg zu sich selbst, in seine Grösse. Wenn wir es schaffen, in unseren Flow zu kommen, unser Herz und unseren Bauch aktivieren können dass sie für uns arbeiten, dann hat Geburt viel viel mehr mit uns gemacht als „nur“ unser Kind auf die Welt gebracht. Dann sind wir in unsere Grösse gegangen, dann durften wir diese transformierende Kraft durch uns durch fliessen lassen, dann sind auch wir neu geboren. Dann haben wir vertraut und los gelassen. 

Wir sind, was wir denken und unsere Gedanken schaffen die Realität. Also nutzen wir doch diese Tatsache, um unsere Wunschgeburt Realität werden zu lassen. Dazu braucht es vielleicht ein bisschen Mut. Ganz sicher braucht es Vertrauen. In uns, Vertrauen in unsere Wünsche. Es braucht das Bewusstsein, ganz genau zu wissen was frau will und was nicht. Und es braucht dann, wenn es soweit ist den Mut um los zu lassen, um zu zu lassen.

Dann darf es auch ganz anders kommen, als wir es uns vorgestellt haben, vielleicht noch viel besser!

 

 

Share This
HerzBauchWerk Newsletter

HerzBauchWerk Newsletter

Ja, ich möchte mich von HerzBauchWerk per Mail inspirieren lassen!

Du hast dich erfolgreich angemeldet!