Ich leg ganz kurz einen Urlaub vom Urlaub ein. Weil heute ein ganz besonderer Tag ist. Am 25. Juli 2015 sind wir in unser Haus gezogen.

Mein Mann und ich sind nun 16 Jahre ein Paar und schon immer war es so, dass wir im SchnellSchrittTempo durchs Leben gegangen sind. Viele Sachen haben wir ausprobiert, sind oft umgezogen, haben uns immer wieder neu erfunden. Und doch sind wir immer noch die gleichen, oder eben nicht…?

Wir hatten so manche Ups und Downs, sind immer wieder gestärkt aus den Krisen hervor gegangen. Weil wir uns verbunden fühlen. Weil wir wissen, dass wir miteinander stark sind, uns gegenseitig aus der Scheisse raus ziehn und weil wir gemerkt haben, dass gerade aus Scheisse was schönes wachsen kann, wenn man es nur zulässt. (Sorry für die Wortwahl, wems nicht passt, der soll halt weglesen). Sind es nicht die Situationen, die uns aus der KomfortZone raus katapultieren, die uns am meisten wachsen lassen, uns verändern, zu WendePunkten werden? Unser HausBauProjekt war wohl so ein liebenswerter KackHaufen, aus dem wir (zum Glück) gestärkt heraus gekommen sind.

Vor zwei Jahren haben wir uns dazu entschieden, das Elternhaus von meinem Mann zu übernehmen. Ein 300 Jahre altes, renovationsbedürftiges Haus, mit einer spannenden Geschichte. Gebaut wurde es zunächst als Spycher, um darin Getreide zu lagern. Später haben es ein paar Juden zu einer Bank umfunktioniert. Dass muss wohl so um 1769 gewesen sein, da wir an einer Wand noch Dokumente aus dieser Zeit entdeckt haben. Versteckte Dublonen haben wir leider keine gefunden… Bevor der Spycher zu einem Wohnhaus wurde war darin noch eine Wäscherei. Manchmal, wenn ich so durchs Haus gehe sehe ich die WaschWeiber vor meinem geistigen Auge, wie sie die Wäsche schrubben, einseifen und miteinander über Gott und die Welt tratschen.

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Auflistung der Geldsorten von 1769, aus der Zeit, als der Spycher noch eine Bank war.

Eigentlich war es nie mein persönliches Ziel, einmal ein Haus zu besitzen, im Gegenteil, es war für mich ein riesiger Schritt. Ich hatte immer wieder diese Ängste, dass das Geld nicht ausreichen könnte, wir die Hypothek nicht finanzieren könnten oder das im Haus irgendwo noch der Wurm drin wäre mit bösen Überraschungen. Lange Zeit wollte ich nicht mitmachen. Bis ich dann merkte, wie viel meinem Mann dieses Haus bedeutete. Das Haus, in dem er gross geworden ist. Ich spürte sein Vertrauen, dass wir das alles schon hin bekommen und so vertraute auch ich, und liess Schritt für Schritt meine Ängste und Glaubenssätze los.

Nova war knapp ein halbes Jahr alt und Nael ein einhalb Jahre,  als wir mit dem Umbau starteten. Wir waren darauf angewiesen, möglichst viel selber zu machen am Haus. Also machten wir uns im Juli 2014 an das grosse LebensAbenteuer. Mein Mann räumte das ganze Haus leer und hat damit angefangen, alle Balken abzubürsten, eine mühsame Arbeit. Das neue Dach, der neue Anbau, die Fenster, die Fassade und und die Sanitären Anlagen liessen wir von Fachmännern aus der Umgebung machen, den Rest übernahmen wir.

Zum Glück hatten wir so viele fleissige Helfer. Ich möcht mich an dieser Stelle nochmals bei allen bedanken, die uns durch diese Zeit begleiteten, mit uns gemalt, gebaut, geschwitzt auf die Kinder aufgepasst und gezügelt haben.

Unser HausAbenteuer hat uns extrem viel abverlangt.

Das merk ich erst jetzt, wo ich einen gewissen Abstand dazu hab. Ich muss noch einiges verdauen, regenerieren, mich wieder aufbauen. Ich habe heute fünf Jahre alte Fotos von uns beiden angeschaut und es kommt mir vor, als wären wir gefühlte 100 Jahre älter geworden. Auch unsere Beziehung wurde einige Male auf die harte Probe gestellt. Viele Arbeiten konnte ich nicht tun, da wir noch zwei kleine Kinder zuhause hatten oder mir einfach das handwerkliche Geschick, oder die Kraft fehlte. Mein Mann arbeitete nebenbei noch 80% und das in Ilanz, im Bündnerland, er war unter der Woche nicht daheim und so war ich eine Weile lang alleinerziehend unter der Woche. Bis zum Dezember 14 habe auch ich noch zwei Tage gearbeitet. Das wurde mir alles zu viel, so kündigte ich meinen Job. Wir hatten eine klare Arbeitsaufteilung: ich war zuständig für unsere „alte“ Wohnung und den Umzug und im Spycher war ich dann der Malermeister.

Der Rückschlag.

Am 20. Dezember 2014 musste sich mein Mann einer Notoperation unterziehen lassen. Das hat mir wieder mal gezeigt, wie fragil und verletzlich eine Familie sein kann. Eines Tages wollte er baden gehen und stieg mit dem linken Fuss ins heisse Wasser und merkte nicht mehr, dass es heiss war. Im linken Bein hatte er kein Gefühl mehr, im rechten spastische Lähmungen. In seinem Halswirbelbereich hat eine Bandscheibe seinen Nerv abgedrückt. Man nennt das das Brown Séquard Syndrom. Es ist irreparabel. Wenn es ganz dumm gelaufen wär, würde mein Mann heute im Rollstuhl sitzen. Wir hatten also Glück im Unglück. Heute kann ich an der Art und Weise, wie er geht ablesen, wie sein Gemütszustand ist. Es gibt Tage, da hab ich richtig Mühe damit zu leben, dass der Mensch, den ich am meisten liebe nicht gesund ist und Schmerzen hat. Ich weiss, es gibt schlimmeres. Aber es tut mir trotzdem einfach weh. 

Ich bin stolz auf meinen Mann. Ich bin ganz ehrlich, die Tatsache, dass er uns mehr oder weniger ein Haus gebaut hat find ich tooootal sexy. Männlich. Toll. Ich hab keine Ahnung, wie er das geschafft hat, von wo er sich das know how holte, wie er sich so schnell wieder von der OP erholte. Ich werde ihm mein Leben lang dafür dankbar sein. Dieses Haus hat einen ganz speziellen Wert für uns, weil so viel HerzBlut drin steckt.

Dramaqueen meets CoachingQueen, eine ziemlich schlechte Mischung…

Die Zeit war eine grosse Belastung für uns, für meinen Mann. Ich glaube, er war einige Male sehr nah an einem BurnOut dran. Auch unsere Beziehung wurde auf eine harte Probe gestellt mit zwei kleinen Kindern vielen Entscheidungen die zu treffen waren und dem Zeitdruck im Nacken. Mein Mann ist ein Perfektionist. Und wenn er eine klare Vorstellung im Kopf hat, dann muss sie genau so umgesetzt werden. Zum Perfektionisten kommt noch der Hang zum Kontrollfreak und eine Prise DramaQueen, eine nicht ganz einfache Mischung. Unzählige Male kam er abgenervt und frustriert nach Hause, weil er das Gefühl hatte, nicht vorwärts gekommen zu sein. Ich versuchte ihm aufzuzeigen, was er alles schon geschaffen hat und wie wir positiv mit der ganzen Belastung umgehen könnten. Aussagen, die der DramaQueen nicht wirklich gefallen hatten, da hätte auch ein Snickers nix genützt und so lagen wir uns ziemlich schnell und ziemlich oft in der Wolle. Den schlimmsten Streit hatten wir am Zügeltag. Vor der ganzen Familie und Freunden, die uns geholfen haben. Es schien mir, dass sich an diesem Tag die ganze Energie, die sich angestaut hatte entladen wollte. Es war nicht schön, für alle Beteiligten aber es war auch sehr transformierend. 

Zum Schluss nahm ich oft die Kinder mit auf die Baustelle, um mit ihnen die Wände zu streichen, das war mein Part. Endlich konnte ich auch etwas beitragen. Wenn ich nicht gemalt hab, dann hab ich unser altes Zuhause, ein kleines ReihenEinfamilienHäuschen ausgemistet, entrümpelt und Kisten gepackt.

Heute ist mir bewusst geworden, wie sehr wir an unseren Reserven gezogen haben. Der Akku ist immer noch ziemlich leer und lädt sich nur langsam. Wir sind angekommen im neuen Daheim, für meinen Mann ist es ein Heim kommen. Wir geniessen das Leben auf dem Land und unser Haus in vollen Zügen. Und ja klar, es muss noch vieles gemacht werden. Der Garten ist noch nicht fertig, hier und da sind es Kleinigkeiten, die noch zu machen sind am Haus. Das nervt den Perfektionisten in meinem Mann, er sieht die lange Liste, die noch zu tun ist und die DramaQueen in ihm hat das Gefühl, er kommt nie dazu. Dann ist es wieder an der Zeit für mich tief ein- und auszuatmen, daran zu denken, wie viel wir schon geschafft haben zusammen und ihn in seinem Drama zu lassen, denn sein Drama muss nicht meins sein. Das hab ich in diesen beiden Jahren gelernt. 😉

Blinder Passagier

Mit den vielen Zügelkartons, die vor einem Jahr hier eingezogen sind ist noch jemand mehr mit gekommen, unsere kleinste Tochter Enie. An unserem Umzugtag begann der Zyklus, der zu einer Schwangerschaft wurde und exakt 272 Tage dauerte, deshalb wird dieser Tag immer ein ganz spezieller für mich sein.

Die letzten zwei Jahre haben uns stark gemacht. Haben uns gezeigt, zu was wir fähig sind. Haben uns immer und immer wieder aus der KomfortZone raus katapultiert, an unsere körperlichen und mentalen Grenzen gebracht aber auch uns wachsen lassen.

Und obwohl mein Mann schreiend davon rennen würde, wenn er heute nochmals an dem Punkt vor zwei Jahren stehen würde, war es doch ein wunderschönes Abenteuer. Die Tatsache, dass wir so viel an diesem Haus selber gemacht haben hat es zu einem ganz speziellen KunstWerk für uns gemacht. Es hat uns an unsere Grenzen gebracht. Als Paar, als Familie. Die letzten zwei Jahre haben uns auseinander gerissen, neu sortiert und wieder zusammen gebracht.

Ich danke dir mein lieber HausBauMann, dass du mit uns dieses Abenteuer gewagt hast, dass du immer und immer wieder weiter gemacht hast, an deine Ideen und deine Vision geglaubt hast, auch wenn es nicht einfach war. Danke, dass mit unserem Haus auch wir wieder ein Stückchen wachsen durften. Löf iu!

 

 

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