Was ist Familie für mich? Diese Frage geistert schon seit einiger Zeit in meinem Kopf rum, ganz genau seit die liebe Ilaina von meinachtsamesleben.com zur Blogparade über das Thema aufgerufen hat.

Ganz ehrlich? Ich wollte zuerst eigentlich gar nicht darüber schreiben. 

Es erschien mir zu kompliziert. Ich fühlte mich zu sehr in meine Vergangenheit versetzt. Denn die Geschichte meiner Ursprungsfamilie ist und war ziemlich kompliziert. Ich bin anscheinend mitten in ein Chaos hinein geboren worden. Und auch heute, wenn ich wieder mit den Familiengeschichten von meinem Vater und meiner Mutter konfrontiert werde, hört sich das Ganze für mich an wie eine nicht endend wollende, ellenlange, dramatische Seifenoper.

Eine Seifenoper mit vielen Verletzungen, Intrigen, verschiedenen Wahrheiten, und ich mitten drin. Und ich wollte nicht darüber schreiben, weil ich kein Freund vom Drama bin. Und alte Geschichten nicht aufwärmen will, weil sie für mich nicht mehr relevant sind, denn:

Seifenopern, die einem nicht gefallen muss man nicht zu ende schauen, Familien bleiben.

Genau DAS ist wohl der grosse Vorteil von Seifenopern. Wird man aber in eine FamilienSeifenoper direkt hinein geboren und ist noch ein Kind, dann ist es praktisch unmöglich den Sender zu wechseln, weil die Fernbedienung ganz unerreichbar weit auf einem ganz hohen Gestell zu liegen scheint. Und so ist man wohl gezwungen mit zu spielen. Die Hauptrollen spielen oft viele andere Beteiligte, selber ist man da eher Statist, oder ungebetener Gast, oder jemand, der sich nicht ans Drehbuch halten möchte.

So sehe ich das in etwa mit meiner UrsprungsFamilie. Lange Zeit bin ich nicht an die Fernbedienung gekommen um mein eigenes Programm zu wählen.

Das hat mich frustriert. Ich fühlte mich ohnmächtig, ich war wütend. Auf mich, auf die andern, auf das dämliche Drehbuch. Ich hasste meine eigene Rolle, die ich scheinbar ohne zu fragen verpasst bekommen hab. Und so rebellierte ich eine Zeit lang, fühlte mich als Opfer der Umstände, wälzte mich in dem Drama, wiederholte einzelne, ganz dramatische Folgen immer und immer wieder.

Bis ich angefangen habe zu verstehen, dass ich genug gross bin, die Fernbedienung selbst in die Hand zu nehmen. Mir wurde bewusst, dass ich es war, der die Sender wechseln konnte, wenn ich wollte. 

Denn eins ist mir ziemlich schnell bewusst geworden: Für verkackte SoloEinlagen kann niemand anderes als der Akteur selber die Verantwortung übernehmen! Wobei die Definition von verkackt im Auge des Betrachters liegt, und manchmal, ja manchmal kommt man vielleicht einfach nicht mit der Rolle klar, die einem die Eltern überstülpen wollen. Das wurde mir bewusst, als ich zum ersten Mal die Geburtsanzeige von meinem leiblichen Vater sah. Dort stand folgendes drin:

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Puuuuuh, eine gewisse Schwere und ein ungutes Gefühl machte sich in mir breit. Und die Gewissheit, dass wohl für sein Drehbuch schon  lange vor seiner Geburt gesorgt wurde. Es verwundert mich wenig, dass er sich nicht daran gehalten hat.

Nur welchen Sender WILL ICH wählen??? Wie soll meine eigene FamilienSerie aussehen, auf welches Programm will ich schalten? Ich wurde von Statisten zum Ressigeur und ich fieng an zu entscheiden, wer welche Rolle in meiner Familie spielen soll. Ich fing an, mein eigenes Drehbuch zu schreiben. Welche Story soll ich wählen? Krimi, Thriller, Actionfilm oder Liebesromanze? Oder doch eher wieder Drama? Die Entscheidung war gar nicht so einfach, wurde ich doch mit Seifenopern gross. Und auch heute zieht es mich immer wieder ab und zu in diese Seifenopfer. Dann spiel ich manchmal wieder eine Gastrolle darin. Das ist ok.

Denn ich habe erkannt, dass die SeifenOper in die ich hinein geboren wurde seine Berechtigung hat. Ich hab mit ihr abgeschlossen, Frieden geschlossen. Und mit den Akteuren darin auch. Mittlerweile ist die Story in meiner UrsprungsFamilie auch sehr ruhig geworden. Das Drama hat sich verzogen.

Zu meinem eigenen FamilienFilm kam irgendwann mal mein Mann hinzu, und so wurden wir zu CoRessigeuren, fingen an gemeinsam unsere Story zu schreiben, unseren Film zu drehen. Bis jetz sind wir ganz zufrieden mit unserem Drehbuch. Die guten Szenen haben wir beibehalten, die die uns eher weniger passen haben wir umgeschrieben.

Ein paar SpecialEffects durften natürlich auch nicht fehlen! 

Irgendwann wurde uns dann die Filmerei nur zu zweit ein wenig langweilig und so haben wir noch ein paar Schauspieler mehr auf unser Set eingeladen. Unsere Kinder. 

Wir haben bewusst entschieden, dass sie nicht nur unsere Statisten sein sollen, sondern aktiv an unserer FamilienStory teil haben dürfen. Wir haben bewusst nicht viel von unseren UrsprungsFamilienStories übernommen, einfach nur die Sachen, die wir als gut empfunden haben. Wir wollen nicht dieselben Rollen spielen wie unsere Eltern. Nicht, weil wir diese Rollen besonders schlecht finden. Sondern weil wir wissen, dass es ihre Rollen, in ihrem Drehbuch sind, und wir uns neu erfinden wollen als Eltern. Manchmal klappt das besser, manchmal ist es schwieriger. Weil wir uns auf unbekanntes einlassen müssen, neue Wege gehen wollen und nicht wissen, wie so die Story endet.

So ist wohl aus unserem FamilienFilm ein ImprovisationsTheater geworden. Aber ein gutes, wie ich finde. Ein ganz ganz spannendes. Es ist spannend, manchmal etwas unberechenbar, manchmal dramatisch, lustig oder traurig. Das wichtigste dabei ist: niemand spielt den SuperStar, alle Beteiligten Schauspieler haben die gleich wichtige Rolle, jeder darf sich einbringen. Jeder ist Regisseur und Schauspieler zugleich. Die Fernbedienung und das Drehbuch liegen bei uns nicht auf einem hohen, für niemandem erreichbaren Regal sondern in einer Schatztruhe, die für jeden zugänglich ist. 

Und wir gehen ganz vorsichtig mit der Fernbedienung und dem Drehbuch um. Wenn jemand das Bedürfnis hat, umzuschalten, oder das Drehbuch umzuschreiben, dann besprechen wir das gemeinsam. Klar, kommt es ab und an vor, dass einer einfach so aus heiterem Himmel kurz auf Drama schaltet. Dann versuchen die anderen einfach die Fernbedienung wieder zu nehmen und auf einen anderen Sender zu schalten.

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Vor allem die Kinder zappen unheimlich gerne. Und die sind richtige Profis darin. In senkundenschnelle ist von ruhiger RomantikKomödie auf Actionthriller oder Drama umgeschaltet. Das bringt uns manchmal ein wenig durcheinander. Aber wir haben auch gelernt, dass auch jeder einzelne mal umschalten darf, wenn er gerade mal lust auf Drama hat. Da müssen die andern nicht unbedingt mitspielen. Dann lassen wir es bei einer DramaSoloEinlage. Ja manchmal, manchmal ist dann das Solo so gut und überzeugend, dass es nicht bei einer SoloEinlage bleibt und andere mit ziehn. Dann liegt es an uns alten Regisseuren, wieder zur Fernbedienung zu greifen und umzuschalten. Dann schalten wir vom WutProgramm in ein anderes. Und warten, bis der Rest merkt, dass da schon wieder ein ganz neuer Film läuft. Manchmal müssen wir uns dann ein wenig gedulden, bis die Schauspieler begreifen, dass die WutRolle nicht mehr zum Sender passt.

Familie ist für mich also ein gutes ImprovisationsTheater. Eins, indem jeder seine Rolle spielen darf, so wie er ist. Authentisch. Es soll jeder ganz Präsent auf der Bühne stehen dürfen, denn das macht das Charisma von jedem Schauspieler aus. 

Wer keine Lust hat, in der DramaSzene mitzuspielen darf sich auch gerne mal zum Publikum setzen und beobachten, um zu schauen, wie wir wieder aus der Szene raus finden.

Das wichtige an der ganzen Sache ist einfach, dass wir alle wissen, dass wir es sind, die unsere Story schreiben. Und dass wir immer wieder aufs Neue entscheiden dürfen, wie sie auszusehen hat. Jeder Schauspieler soll Platz haben auf unserer Bühne. Bei uns sind alle der Star und keiner nur Statist.

Wie die Story enden wird? Das wissen wir nicht, das spielt auch keine Rolle, solang sich jeder in seinem Drehbuch wohl fühlt, und jeder von uns mal ein bisschen im Rampenlicht stehen darf.

 

 

 

 

 

 

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