Dieser Text ist allen Mamas gewidmet, die ihr Kind wieder ziehen lassen mussten, weil es viel zu früh die Welt wieder verlassen hat.

Diejenigen, die meine Artikel lesen sind sich wohl meine bildhaften, locker flockigen Texte gewohnt, und auch mir fällt es relativ schwer jetzt über dieses Thema zu schreiben. Aber gestern ist mir bewusst geworden  dass es wichtig ist, dass auch ich darüber schreibe.

Die traurige Realität: etwa 25% aller Schwangerschaften enden mit dem Tod des Embryos, Fötus oder Babys. Als ich im Juni 2011 zum ersten Mal schwanger wurde hab ich diese Tatsache ganz erfolgreich verdrängt. Ich schwebte auf Wolke 7 und war der Meinung, dass es keinen Sinn macht für mich, um mein Kind angst zu haben, denn es kommt ganz bestimmt alles supergut.

Ich glaube, ich war etwa in der 7. Schwangerschaftswoche, als ich zum ersten Mal einen Ultraschalluntersuch hatte. Alles war tutti paletti, viel hat man nicht gesehen, aber das, was von unserem Würmchen zu sehen war war alles ok. Danach hatte ich den nächsten Vorsorgetermin in der 14. Schwangerschaftswoche. Am 1. September 2011.

Diesen Tag sollte ich nie wieder vergessen.

Ich gehör zu den Frauen, die wenn sie nur schon ans Schwanger werden denken einen dicken Bauch bekommen. Und so konnte ich meine Schwangerschaft im ersten Trimester kaum verheimlichen. Ich hatte schon eine beachtliche, kleine SchwangerschaftsKugel, als der Termin für den zweiten Frauenarztbesuch bevor stand. Ich hatte niemals Schmerzen, keine Blutungen, mir gings gut. Und so bin ich davon ausgegangen, dass auch mit dem Würmchen alles in bester Ordnung sein wird.

Als ich am Tag des Ultraschalltermins aufwachte war mein erster Gedanke: „wow, was für ein wunderschöner Morgen, die Sonne scheint! Geniesse ihn, vielleicht bleibt es nicht mehr lange so schön!“

Der Gedanke hat mich selber irritiert und ich habe ihn erfolgreich zur Seite geschoben. Ein paar Stunden später habe ich ihn verstanden. Wir sahen auf einen schwarzen Monitor, auf dem ein kleines Wesen zu sehen war, dessen Herzchen nicht mehr schlug.

Bääääm, die Bombe platzte. Schock. Tief durchatmen. Alles eingebildet? Ich bin in sekundenschnelle von den 75 Prozent, in denen alles gut läuft in diese 25% Spalte geschlittert, wo ich nicht sein wollte. Hab ich mir alles nur eingebildet? Wieso hab ich nicht gemerkt, dass etwas nicht stimmte?

Die Situation hat mir den Boden unter den Füssen weg gezogen. Und meinem Mann auch. Das hat mir am meisten weh getan, ihn in seiner Trauer zu sehen, hilflos, enttäuscht.

Mein Kind hat seinen Bauplan in der 8. Schwangerschaftswoche abgebrochen. Mein Körper wollte aber weiter Schwanger sein, so sind Plazenta und Gebärmutter weiter gewachsen, haben die Schwangerschaft aufrecht erhalten und waren auf dem Stand der 14. Woche. Ich fand das unglaublich gemein. Und schlimm. Ich bin 6 Wochen mit einem toten Kind durch die Gegend gelaufen.

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Wer mich kennt, der weiss, dass ich ein sehr feinfühliger Mensch bin, mit feinen Antennen. Manchmal spür ich schon viel früher, wenn „was im Busch“ ist. Ich spürte meine Kinder in meiner Nähe schon bevor ich schwanger wurde. Jedes von ihnen. Und ich hab da meine eigene Theorie davon, von wo wir kommen und wohin wir gehen, mehr darüber kann man in einem älteren Text von mir, der „Federleicht“ heisst hier nachlesen.

Und genau das war es, dass es für mich so schwierig machte, dieses Kind los zu lassen. Es war für mich so präsent, es war für mich so was von da und hat sich gezeigt, einfach nur um wieder zu gehen? Ich konnte es nicht verstehen. In meiner Trauer wollte und konnte ich das nicht. Ich bin sehr offen mit dem Thema umgegangen und hab erzählt, wieso es mir so schlecht ging. Oft hab ich das freiwillig gemacht, manchmal wurde ich dazu gezwungen, weil viele Menschen schon wussten, dass ich schwanger war.

Und plötzlich, ja plötzlich war ich nicht mehr alleine. Plötzlich haben viele Frauen aus meinem Umfeld ihr Schweigen gebrochen. Haben angefangen zu erzählen. Dass auch sie ein Kind wieder ziehen lassen mussten. Dass sie danach unglaublich grosse Angst hatten, wieder ihr Kind zu verlieren. Ich fühlte mit ihnen, ihren Schmerz. Und ich spürte, dass sie mich verstanden. Und irgendwie, ja irgendwie fühlte ich auch diese Ohnmacht. So ist das Spiel des Lebens. Wir können guter Hoffnung sein, uns positiv auf alles einstellen, visualisieren, und doch kann es noch ganz anders kommen als gedacht. Diese unbestimmte Variabel macht mir heute manchmal noch angst.

So ist das Leben. Es ist Lebensgefährlich. Und manche Seelen entscheiden sich kurz vor der Geburt wieder, sich zurück zu ziehen. Das ist unglaublich hart. Auch für mich ist es schwierig, die richtigen Worte dafür zu finden. Und viele tröstende Worte, die ich erhalten habe damals waren für mich alles andere als tröstend. Ich weiss, dass sie alle gut gemeint waren, und dass mein Gegenüber auch nicht genau wusste, wie mit meiner Situation umzugehen ist. Aber Worte wie: „dein Kind wäre sicher schwer behindert gewesen“, und „das klappt ganz bestimmt wieder“ und „wirst sehen, bald bist du wieder schwanger“ „du hattest einfach zu viel stress“ haben mir nicht viel gebracht.

Und genau weil jede Frau ihre Trauer ganz anders verarbeitet und ich grossen Respekt davor hab, fehlen auch mir meistens die richtigen Worte. Ich kann nur eins: von mir erzählen, wie ich es erlebt hab. Und ich kann eine trauernde Mama, die vor mir steht in den Arm nehmen. Und wenn auch du, die jetzt diesen Text hier liest eine Mama bist, die ihr Kind verloren hat, dann würd ich dich jetzt am liebsten einfach nur in den Arm nehmen und drücken. Weil ich weiss wie sich dieser Schmerz anfühlt, ich ihn aber nicht beschreiben kann. Und weil er irgendwie ein klein bisschen erträglicher wird, wenn man ihn teilen kann mit jemanden, den diesen Schmerz versteht. Nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen versteht.

Das Leben geht weiter. Die Erde dreht sich. Auch für das Umfeld. Das stellt ziemlich schnell wieder um auf den NormalModus. Auch das musste ich lernen. Und ich musste es akzeptieren. Ich habe für mich einen Weg aus der Trauer gefunden, habe ein paar kleine AbschiedsRituale gemacht, um mein Kind in Liebe wieder ziehen zu lassen. Das war mein Weg.

Heute sind da drei gesunde Kinder bei mir, und ich geniesse jede Minute mit Dankbarkeit, dass sie sich für ein Leben bei uns entschieden haben. Ich wollte meine folgenden Schwangerschaften danach wieder im Vertrauen, bewusst erleben, das war nicht immer einfach. Immer wieder hat mich die Angst eingeholt. Am meisten in meiner letzten Schwangerschaft. Weil ich immer wieder das Gefühl hatte, dass diese kleine Seele ganz ganz weit weg auf Reisen war. Bevor sie zu mir kam hat sie nämlich auch wieder den Bauplan abgebrochen, weil er nicht mehr stimmte.

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Und so liess ich wieder ein Kind ziehen. Ich fand den Mut, nochmals schwanger zu werden und schwörte mir, dass es das letzte Mal sein wird. Ängste kamen immer wieder hoch, zeigten sich, durften wieder los gelassen werden.

Bis zum Schluss bat ich diese kleine Seele bei mir zu bleiben. Heute ist sie vier Monate alt. Und wenn dieses Baby so da liegt und ganz ganz tief schläft, dann scheint es mir, als wäre diese Seele wieder auf Reisen, ganz ganz weit weg von mir. Dann bitte ich sie insgeheim, dass sie wieder zurück kommt, und noch lange bei mir bleibt.

 

 

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