Ich höre von Kindern, die Nachts alleine gelassen werden und dabei unglaublich fest weinen. Ich höre davon, dass ein Kind, das getragen wird, verwöhnt zu sein scheint. Ich höre von Experten, die mir erklären wollen, wie ich mein Kind zu erziehen oder eben nicht zu erziehen hab. Und genau das alles geht mir im Moment unglaublich auf den Sack.

Was ist denn schon richtig?

Diese Welt scheint mir sehr widersprüchlich geworden zu sein. Eigentlich, ja eigentlich haben wir so viele Freiheiten in diesem System, in dieser Gesellschaft in der wir leben. Wir dürfen unsere Haare pink färben, mit Löchern in den Hosen rum laufen, uns das schicke teure Auto kaufen. Niemanden störts.

Vielleicht wachsen wir in einer Welt auf, in der wir nichts falsch machen möchten. In einer Welt, in der wir jede Information abrufen können, in der sich Millionen von (selbst ernannten?) Experten tummeln und wir schon den richtigen irgendwann finden, der uns in unserer Meinung bestätigt, der uns aus unserer Hilflosigkeit holt, uns Sicherheit gibt, uns zeigt, wie wir gute Eltern sein können, wie wir mit unserem Kind umzugehen haben.

Ich gebe es zu, ich komm mit meinen Kindern manchmal auch an meine Grenzen. Und ich hab keine Ahnung, wie sie mal in zwanzig Jahren sein werden. Ich hab die Hoffnung, dass sie aufgestellte, liebenswerte junge Menschen sein werden, die Freude am Leben haben. Aber ob sie es dann auch sind? Ich weiss es nicht, ich wünsch es ihnen.

Die leidige Diskussion über Erziehungsstile

Ganz ehrlich? Ich kann die ganze unerzogen, Attachement Partenting, selbst bestimmt, antiautoritär und weiss nicht mehr was Kacke (nein es ist natürlich keine Kacke, aber der Satz klingt so viel besser!) nicht mehr hören! Jesper Juul, André Stern, Remo Largo. Sie alle sind wohl ganz tolle Menschen. Haben sicher ganz wunderbar tolle Bücher geschrieben mit wertvollen Tips, das will ich nicht bestreiten. Und das wir wieder anfangen uns bewusst zu werden, was denn genau für uns Menschen artgerecht bedeutet, das find ich auch eine ganz schöne Idee.

Aber ich frage mich: Kennen diese Experten mich? Meine Kinder, meinen Mann, unsere Familienkonstellation? Wohl kaum. Kenn ich mich denn? Weshalb bringt mich denn mein Kind in der Situation XY so auf die Palme? Weshalb kann es nicht schlafen? Und weshalb hab ich denn überhaupt die Erwartung an mein Kind, dass es mit vier Monaten schon alleine 12 Stunden ohne Pause in seinem Gefängnisbettchen schlafen soll? Nur damit ich meine Ruhe hab?

Was ist denn schon normal? Und wer um Himmels willen legt die Latte fest, was normal zu sein scheint?

Weshalb bin ich denn Mama geworden?

Sicher nicht um mir einen Elternratgeber nach dem andern rein zu ziehn. Und sicher auch nicht um irgendwann mal meine Kinder abzuklären und heraus zu finden, dass sie hochbegabt, hochsensibel, high need, ADHS, oder doch nur durchschnitt sind, um sie dann wieder zu einem Experten zu bringen, der dann schon genau weiss und mir erklärt, wie mit ihnen um zu gehen ist. Nur ich, ich hab irgendwann mal keine Ahnung mehr wer dieses Kind vor mir ist. Weil ich es aus den Augen verloren hab. Weil ich es nicht mehr spür.

 

Was meine Kinder mit meinem inneren Kind zu tun haben

MutterSein hat mich irgendwann mal automatisch in meine eigene Kindheit zurück katapultiert. Und ich glaube, das geschieht jedem Papa und jeder Mama so. Es ist eine logische Konsequenz aus dem Eltern werden und Eltern sein. Man erinnert sich daran, wie die eigenen Eltern mit einem umgegangen sind, wie man erzogen wurde. Erinnert sich an Schlüsselerlebnisse. An solche, die man unglaublich toll fand, und an solche, die heute noch weh tun, wenn wir ganz ehrlich zu uns sind. Und wenn wir dem Kind, das wir damals waren, heute noch eine Stimme verleihen.

Viele Sachen machen wir als Eltern bewusst oder unbewusst so, weil es schon unsere Erzieher so gemacht haben. Zum Beispiel, dass man erst vom Tisch geht, wenn alle andern fertig gegessen haben. Oder eben, dass man alleine im Gefängnisbett einschläft, koste es, was es wolle. Oder, man erzieht die eigenen Kinder so, dass sie im System funktionieren, weil man selber auch schon ganz früh funktionieren musste. Das alles hat uns ja schliesslich nicht geschadet. Oder?

Haben mich meine Eltern denn gut erzogen? Ist denn dieses innere Kind in mir schön artig, und hat es auch zu etwas gebracht? Ist es glücklich und zufrieden? Naja, gute Frage. So wie ich das sehe, kommen wir auf diese Welt mit einer Aufgabe, einem Seelenplan. Wir tragen dieses Licht in uns, das wir zum leuchten bringen wollen. Ich durfte und darf heute noch ganz viele Glaubensmuster entdecken und los lassen, die mich genau daran hindern, dieses Licht in die Welt hinaus zu tragen, die mich an meiner Kraft zweifeln lassen und liessen. Ich find das unglaublich anstrengend, fordernd. Mit jedem Schritt, den ich weiter gehe, mit jedem Korsett, das ich ablege, kommt das nächste. Und das nächste. Und ich frage mich, ob ich mich denn irgendwann mal so frei fühle, wie ich es denn gern wäre. Ich weiss es nicht.

Dieses Licht in meinen Kindern

Ich weiss nur eins: jedes meiner Kinder trägt auch selbst dieses Licht in sich. Jedes hat seine ganz eigene Energie, seine ganz eigenen Bedürfnisse. Da ist der grosse kleine Junge, der ganz feinfühlig ist, und doch so erdig. Dieser Junge, der manchmal nicht weiss, wie er mit seinen heftigen Gefühlen umgehen soll. Der Junge, der (noch) nicht weiss, dass er so viel von seiner Umgebung aufnimmt, dass es ihn fast umhaut. Dieser Junge, der mir heute, mit seinen bald vier Jahren schon sagt: „Mama, es ist mir zu viel!“ Und dann ist da dieses Mädchen, mit diesem Urvertrauen in sich, das haut so schnell nichts um. Das Mädchen mit diesem unglaublichen Willen, diese Anarchistin, die ganz oft auf nichts und niemanden hört, weil sie selbst spüren und erfahren will oder muss. Und zuletzt ist da dieses Baby, das einfach nur bei Mama sein will. Ein kleines, feines Mädchen, dass mich spüren muss, das langsam die Welt entdeckt aber immer wieder zu mir in den sicheren Hafen kommen will, um Kraft und Vertrauen tanken zu dürfen, um zu wissen, dass alles ok ist.

Ich hab keine Lust, diese Lichter zu löschen, oder umzuleiten, weil ich an mir selber erfahre, wie schwierig es für mich ist, mein eigenes inneres Licht wieder zu entdecken und leuchten zu lassen. Aus irgend einem Grund sind diese Kinder zu mir gekommen, genau diese drei. Ich muss sie nicht erziehen oder verziehen. Ich darf sie ins Leben begleiten. So, dass sie ihr Licht hinaus tragen dürfen. Wir müssen uns nicht verstecken um irgendwie für irgend jemand zu funktionieren.

Ob das für mich einfach oder schwierig wird, ich weiss es nicht. Vielleicht beides.

Fakt ist: mir kann niemand so richtig helfen.

Denn wer kennt schon mich und meine Kinder? Das einzige, was diese Experten da draussen tun können, sie können mich inspirieren. Sie sagen mir, ich verwöhn mein Kind, wenn ich es trage? Na gut, dann frag ich mich, ob sich das für mich wirklich so anfühlt, als würde ich mein Kind verwöhnen? Klare Antwort: Nein. Gut. Dann machen wir weiter so. Thema abgeschlossen.

Fühlt es sich falsch für uns an, wenn unsere Kinder bei uns im Bett schlafen? Nein. Gut. Dann machen wir weiter so. Weil es für uns, unser Familiensystem und alle Beteiligten richtig ist. Was der Rest der Welt dazu sagt ist uns scheissegal. Thema abgehakt.

Das Herz ist unser Kompass

Weshalb sollten wir etwas tun, dass sich für uns falsch anfühlt? Vielleicht sollten wir unseren Ansatz ändern. Vielleicht sollten wir aufhören, unsere Kinder ändern zu wollen, sondern einfach mal genau hin sehen. Oder hin fühlen. Was wollen sie uns sagen, mit ihrem Verhalten? Weshalb trägt mein Sohn gerade so viel Wut in sich und was macht das mit mir? Vielleicht möchte mein inneres Kind einfach auch wieder mal seine Wut los werden, was ist daran so falsch? Vielleicht sollten wir auch wieder viel mehr zu unseren eigenen Gefühlen stehen, sie zulassen. Unseren Kindern erlauben und zeigen, dass Gefühle ganz normal sind.

Kann es sein, dass es gar nicht darum geht, Kinder zu erziehen, sondern sie in die Welt zu begleiten, sie an der Hand zu nehmen und zu beschützen, damit sie ihre Welt selbst entdecken können? Möglichst sicher und geborgen? Damit sie ihre Erfahrungen machen können, ihre Wahrheit erleben? Und wenn sie nun dazu ganz viel Mama brauchen, oder mit 8 Jahren noch bei den Eltern im Bett schlafen wollen, um Sicherheit spüren zu können, um im Vertrauen entdecken zu können, wer sagt denn, dass das falsch ist?

Ist es nicht unsere Hauptaufgabe als Eltern, unsere Kinder einfach zu spüren? Uns auf Herzensebene mit ihnen zu verbinden? Zu erkennen, dass sie uns ganz viel spiegeln, damit wir uns ändern dürfen, damit dieses innere Kind in uns heilen darf? Damit dieses innere Kind seine Welt auch entdecken darf. Verbauen wir uns diese Möglichkeit nicht mit Sachen, die wir eigentlich gar nicht machen wollen. Denn welche Mutter will schon ihr Baby die halbe Nacht im Gefängnisbett schreien lassen, Hand aufs Herz!

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