Ist eine Geburt im Krankenhaus grundsätzlich mit Interventionen verbunden? Ist es möglich, ungestört, für sich im Spital zu gebären? Ja ist es. Aber so easy peasy geht das nicht. Meine zweite Geburt war selbst bestimmt. Im Spital. Ein Erfahrungsbericht.

Ein Kommentar von der lieben Ella von HerzKindMama zu meinem letzten Artikel hat mich dazu inspiriert, wohl doch über meine zweite Geburtserfahrung zu schreiben:

Interventionslose Geburt im Krankenhaus – darüber habe ich mir schon Gedanken gemacht, kannst du zu dieser speziellen Erfahrung nochmal was schreiben oder gibt es dazu schon einen Artikel? Das wäre ganz toll, liebe Grüße Ella

Eigentlich bin ich nicht wirklich ein Fan von Geburtsberichten, aber vielleicht ist es doch wichtig, meine Erfahrung mit euch zu teilen.

Der zweite Anlauf. Tanja schaltet auf Reset.

Über meine erste Geburt hab ich schon einige Male (nicht im Detail) berichtet. Es verwundert mich immer wieder, wie schlimm sie klingt, wenn ich darüber schreib, denn eigentlich bin ich mit dieser Geburt im Frieden. Sie war ok. Mir ging es nachher auch pico bello und ich war stolz, dass ich nach 36h künstlichen Wehen ein gesundes Kind in den Armen hielt. Aber ich wusste auch im Hinterkopf, dass es noch besser gehen würde. Im Geburtsvorbereitungskurs, den ich vor meiner ersten Geburt besucht hatte, bekamen wir eine DVD mit nach hause, die wir uns anschauen sollten. Auf dieser DVD waren ganz viele verschiedene Geburtsfilme zu sehen. Ein Kaiserschnitt, eine Krankenhausgeburt mit PDA, eine Geburt im Freien und da war noch das Video, dass ich immer wieder im Netz sehe, von einer Frau, die doch tatsächlich einen Orgasmus während der Geburt hatte.

…einen Moment mal…. Orgasmus? Also, wenn es doch Frauen gibt, die sogar mit Lust gebären können, ganz alleine, dann sollte doch für mich noch ein bisschen mehr drin liegen als eine eingeleitete Geburt mit PDA. Ich glaube, damals fühlte ich mich etwa so, wie es die liebe Jobina Schenk in ihrem Video zum Versagen beschreibt: in mir wurde der Ehrgeiz geweckt, ich wollte mehr!

Wie gesagt, ich war im Frieden mit dieser Geburt, sie war eine wichtige Erfahrung für mich. Mir wurde bewusst, dass ich es bin, die entscheidet wie meine Geburt verlaufen soll. Ich hab gelernt, wie die im Krankenhaus ticken. Ich weiss, die wollen nur das beste. So wollte der Arzt, der mir zur Einleitung riet mich wohl nur vor dem hohen Infektionsrisiko bewahren.  Und die Krankenschwester, die in der Nacht zu mir kam und mir riet ein Schmerzmittel zu nehmen, damit ich schlafen kann und fit sein werde für die bevorstehende Geburt, wolle sicher auch nur das beste für mich. Mein Bauch sagte damals „nein Tanja, das brauchst du nicht, du kommst ja tiptop klar mit den Wellen“ mein Verstand hielt dagegen und meinte „die Frau weiss was sie tut, es gibt bestimmt einen Grund weshalb sie dir das Zeug geben will!“

Sie wusste was sie tat. Aber sie kannte mich nicht. Sie wusste nicht, dass ich ein fast medikamentenfreies Leben  führte, dass mich ein Glas Wein schon ziemlich bedusselt durch die Welt schwanken lässt. Und so liess sie das Zeug in meine Infusion und schickte mich damit ins Nirvana. Das war der Augenblick, an dem ich meine Selbstverantwortung definitiv abgegeben hab. Und genau DAS wollte ich nicht mehr!!!

Ich habe gelernt: das beste für die andern muss nicht zwingend das beste für mich sein!

In meiner zweiten Schwangerschaft hab ich mich wieder intensiv auf die Geburt vorbereitet. Mit Affirmationen, Drehbüchern, Meditation und Atemübungen. Das hab ich alles beim ersten Mal auch gemacht. (Und trotzdem hats nicht geklappt könnte man jetzt sagen.) Heute weiss ich, dass in meinem Kopf die Vorstellung von einer Geburt, die ich ganz alleine bewerkstelligte noch nicht angekommen war zu diesem Zeitpunkt. Tief in mir drin hatte ich das Gefühl, dass ich Hilfe brauchte, dass das genau so sein müsse, dass jemand um mich herum ist, der weiss, was zu tun ist und mich anleitet, mich entbindet.

So kam es, dass plötzlich jemand anders die Führung über mein Geburtserlebnis übernahm.

Neues Baby, neues Glück

Für uns war es ziemlich klar, dass ich auch beim zweiten Kind in der Klinik entbinden werde. Das Spital war 5 Minuten von unserem damaligen Wohnort entfernt. Ein Katzensprung. Da mein Mann zu unserem Sohn schaute, war es die einfachste Option für uns, schnell ins Spital zu gehen, zu gebären, damit er möglichst bald Nael wieder nach Hause nehmen konnte (er war bei meinen Eltern), um für ihn da zu sein.

Was für mich das Wichtigste war: ich wollte meinen Arzt bei der Geburt diesmal dabei haben, es sollte kein Urlaub dazwischen kommen. Er wusste was zu tun war, er kannte meinen Geburtsplan und er hat jeden einzelnen Schritt eingehalten.

Ich war mir ganz klar, was ich nicht wollte…

  • keinen Dammschnitt
  • keine unsympathischen, fremde Ärzte um mich herum
  • keine Schmerzmittel die ich nicht vertrug
  • keine künstlichen Wehen
  • keinen Muttermund ist so und so weit offen oder geschlossen Stress! (Muttermundpartys haben nämlich ihre ganz eigenen Regeln!)

…und was ich wollte:

  • möglichst lange zu Hause bleiben, bis wir in die Klinik gingen.
  • eine Geburtswanne
  • gedämpftes Licht
  • eine Nabelschnur, die auspulsieren darf
  • meine Ruhe
  • ich wollte auf mein Bauchgefühl vertrauen
  • mein eigenes, privates Zimmer fürs Wochenbett

 

 Nova macht sich auf den Weg

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich an dem Morgen, als meine Tochter zur Welt kam aufgewacht bin mit Wehen. Sie waren nicht sonderlich stark und so schickte ich meinen Mann zur Arbeit und blieb mit meinem Sohn, der damals 13 Monate alt war zu hause. Langsam wurden meine Wehen stärker und so beschloss ich, ein Bad zu nehmen, um heraus zu finden, ob es sich um echte oder Übungswehen handelt.

Sie waren echt, aber in einem grossen Abstand von 10 Minuten. Da meine erste Geburt 36 Stunden dauerte, hab ich mich überhaupt nicht stressen lassen und keinen Grund gesehen, irgend jemand zu informieren. Ich hatte vielmehr das Bedürfnis, es easy zu nehmen und mich etwas hin zu legen. Ich war aber nicht alleine, und hätte nie gedacht, dass mein Sohn mit seinen quirligen 13 Monaten das mitmachen würde. Aber er tat es. Er legte sich mit mir ins Bett, wir kuschelten und er fing an ganz tief zu schlafen. Ich bin mir heute sicher, dass er genau merkte, dass sich seine Schwester auf den Weg machte. Es war ein ganz magischer, unvergesslicher Moment, wie wir so zu dritt im Bett lagen und uns auf die Geburt vorbereiteten in voller Ruhe.

Version 2

Um 11 Uhr hab ich meinem Mann gesagt, er solle am Mittag heim kommen, hab meiner Schwester und Mutter Bescheid gegeben, sie sollen gegen 13.00 Uhr den Grossen abholen. Das war der Plan, als mein Mann nach hause kam hatte ich Wehen in 5 Minuten Abständen. Wir haben noch zwei Pizzas gemacht und langsam rufte ich in der Klinik an. Die Hebamme am Telefon meinte, dass ich gleich zu ihnen kommen sollte und ich fand, dass ich erst die Pizza fertig essen werde und noch auf meine Mutter wartete, die den grossen Bruder abholen kommt. Die Hebamme am Telefon nahm das Ganze anscheinend nicht so easy wie ich und meinte, ich solle um Himmels willen SOFORT kommen, im schlimmsten Fall halt auch mit dem grossen Bruder. Pfffff. Ich erinnerte mich schlagartig an das, was ich mir für meine zweite Geburt geschworen hatte: ICH weiss am besten, was ICH brauchte, diesmal hör ich auf mein Bauchgefühl. Und so hab ich beschlossen, dass  ICH es diesmal easy nehmen will.

Den Parkplatz im Krankenhaus haben wir um 13.28 Uhr erreicht, das weiss ich noch so genau, weil ich meinen Mann damals fragte, was für Zeit es ist. Nova wurde um 17.28 Uhr geboren.

Mir ging es prima, veratmete Welle um Welle, während wir uns anmeldeten und im Untersuchungszimmer auf unsere Hebamme warteten. Ich glaube die Wellen waren schon in drei Minütigen Abständen, so genau weiss ich das nicht mehr, weil ich mich auf diese Indikatoren nicht stützen wollte. Mein Muttermund war jedenfalls 2cm weit offen, oder eben nicht offen, und so dachte ich mir, jaja easy, das geht noch ein Weilchen. Ich machte der Hebamme klar, dass ich keine weitere vaginale Untersuchung wünschte und einfach nur meine Ruhe wollte.

Ich wusste, dass es an der Zeit war, meine weiteren Wünsche klar zu formulieren:

  • keinen Dammschnitt
  • keine unsympathischen, fremde Ärzte um mich herum
  • keine Schmerzmittel die ich nicht vertrug
  • eine Geburtswanne
  • gedämpftes Licht
  • eine Nabelschnur, die auspulsieren durfte
  • meine Ruhe
  • ich wollte auf mein Bauchgefühl vertrauen

 

So gingen wir ins Gebärzimmer und ich tingelte hüftkreisend dort umher. Meine Hebamme war ziemlich jung und ich fand sie sympathisch, sie hielt sich sehr im Hintergrund und liess mich machen. Ich hab sie eigentlich gar nicht wahr genommen. Ich war einfach nur bei mir.

Irgendwann mal kam sie zu mir und sagte: „Frau Suppiger, ich mach mal alles bereit für die Geburt, ist das ok?“ ich antwortete: „jetzt schon? ja wenn sie meinen, machen sie mal!“

Nachdem sie alles her gerichtet hat kam sie wieder und fragte: „ich lasse jetzt das Wasser in die Gebärwanne, ist das ok für Sie?“ ich fragte: „jetzt schon?“ „ja sie wünschen doch eine Wassergeburt, oder?“ „ja klar, dann machen sie mal…!“

Ich stieg irgendwann mal in die Wanne, veratmete Welle um Welle und war einfach nur bei mir. Bis meine Hebamme kam und mich fragte: „Ich rufe jetzt ihren Arzt an, ist das ok?“

„ja was jetzt schon???“ war meine Antwort. „Ja sie wollen doch, dass er dabei ist, oder? Er braucht schon 20 Mintuen bis er da ist…“ „ja klar, dann machen sie mal!“ hab ich gesagt und mir dabei gedacht, wenn er sich noch ein bisschen langweilen möchte bis das Kind da ist, soll er kommen…

Was soll ich sagen, mein Arzt hätte die Geburt fast verpasst. Ich lag in den Presswehen als er in den Kreissaal hinein gestürmt kam und ich begrüsste ihn mit den Worten: „ich schreie wie eine Kuuuuuuuunh!!!“ Wir alle mussten lachen, und mein Arzt meinte nur: „ich weiss zwar nicht, wie eine schreiende Kuh klingt, aber machen sie mal!“

Zwei Kuhschreie später war sie auf der Welt, unsere Tochter. Ich musste nichts dafür machen, ich war einfach nur bei mir, habe immer wieder zum Kind geatmet. Das Pressen hab ich vergessen. Ich machte die Erfahrung, dass es irgendwie von alleine ging, es war wie wenn man sich übergeben muss, alles passierte von alleine, ich konnte mich nicht dagegen wehren, ich musste auch nicht, ich musste nur eines, geschehen lassen. Meinen Körper entspannen, ihn arbeiten lassen.

 Mein Arzt hat meinen GeburtsRaum gewahrt, die Nabelschnur auspulsieren lassen, die Spritze abgewunken, welche die Hebamme vorbereitet hat damit sich die Plazenta schneller löst.

Unsere Tochter schaute uns mit grossen, wachen Augen an.

Zwei Stunden lagen wir da, kuschelten, haben zum ersten Mal gestillt. Komischer Weise war meine Hebamme ganz aus dem Häuschen. Sie tanzte und hüpfte und meinte: „ach das war eine so schöne Geburt!!!“ Ich musste etwas schmunzeln und dachte mir: „ja so viel mussten sie ja nicht tun, hihi“

In mein Zimmer bin ich zu Fuss gegangen, ich fand das irgendwie total unpassend, im Bett dort hin gekarrt zu werden, denn es ging mir super. Ich hatte geboren. Schlagartig wurde mir der Unterschied zwischen selbst bestimmten gebären und entbunden werden bewusst. Denn ich hatte bei dieser Geburt, die ohne Schmerzmittel, ohne PDA und ohne zu pressen von statten ging weniger Schmerzen als bei der ersten, in der alle ihr bestes gegeben hatten.

Weshalb das so geklappt hat auch im Krankenhaus? Ich glaube, es liegt daran, dass ich von Anfang an einfach nur bei mir war, genau wusste, was ich wollte, die Spielregeln festgelegt und klar kommuniziert hab und sie niemand in Frage gestellt hat.

Ob das grundsätzlich funktioniert oder ich einfach nur Glück hatte, das weiss ich nicht.

Ich habe mir meinen GeburtsRaum geschaffen und ich hatte Menschen um mich herum, die ihn gewahrt haben.

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