Ich kann mich noch sehr gut an eine Situation in meiner Kindheit erinnern, als mein Grossvater, nachdem ich mich  wieder mal weinend unter dem Pullover von meiner Mutter eingekuschelt hatte, zu ihr sagte: „Hm, dieses Kind ist aber sehr sensibel.“

Diesen Satz hab ich nie vergessen. Ich hab ihn verdrängt, ja, aber vergessen hab ich ihn nicht. Ich mag ja dieses Schubladisieren überhaupt nicht und mach mir eigentlich gar nicht viel aus Begrifflichkeiten, aber ja, ich bin hochsensibel. Ich hab sogar mal einen Test gemacht, damit ich ganz ganz sicher bin, dass ichs bin und mir das nicht einbilde. Und ja, ich hatte es schwarz auf weiss, ich bin hochsensibel. Abkürzung HSP. Mein Mann übrigens auch.

Was macht man nun damit?

In der Schule hatte ich lange Zeit grosse Mühe damit, mit dem Druck umzugehen. Ich konnte mich sehr schlecht konzentrieren, wurde schnell abgelenkt, hatte extrem grosse Prüfungsangst. Ich hatte lange Zeit Angst, den Anforderungen der Gesellschaft nicht zu genügen. Ich zog mich immer und immer wieder zurück in meine Welt. Damals sagte man dazu Phantasiewelt. Ich war ein Kind mit blühender Phantasie. Oh ja. Bin ich heute noch.

Auch heute ziehe ich mich noch zurück in meine Welt. Sie ist der Ort geworden, der mir Kraft spendet, in dem ich mir selbst am nächsten bin. Mich spür. Einfach nur ich sein kann, zur Ruhe komme.

In der Pubertät verlor ich mich im anders sein als andere, ich suchte nach Wegen, meine anders Artigkeit auszuleben. Ich hatte keinen Bock mehr darauf, als Sensibelchen abgestempelt zu werden, weil für mich dieser Begriff mit viel Schwäche zusammen hing. Und ich wollte alles andere als schwach sein. Also kämpfte ich, zog eine Mauer um mich, ging in die Offensive, damit mir niemand zu nahe kommen konnte. Angriff ist die beste Verteidigung war meine Devise.

Ich hab die Menschen um mich herum lange Zeit nicht verstanden. Oft kamen ihre gesprochenen Worte bei mir gar nicht an. Das was sie sagten, war nicht das, was ich fühlte. Und so dachte ich oft, dass mein Gefühl falsch sei. Oder sprach aus, was ich fühlte. Ungefragt. Das war dann ein Tritt ins Wespennest. Denn wer will schon über Gefühle reden, wenn er offensichtlich von was ganz anderem redet?

Lange Zeit fühlte ich mich einsam. Ja ich hatte Freunde, fühlte mich aber oft nicht verstanden. Irgendwie hab ich mich einfach mit dieser Welt arrangiert. Ich hab irgendwie einen Weg gefunden, damit die vielen Eindrücke nicht zu sehr über mich hinein prasselten. Vielleicht war es mein Glück, dass ich mit 14 Jahren in der Schule zum ersten Mal meditiert hab und heraus gefunden hab, dass mir diese Entspannungstechnik extrem gut tun. Von da an hab ich das jeden Tag gemacht. Ich freute mich jeden Abend auf die Reise zu gehen. Zu mir, in mein Innerstes. Wertungsfrei.

Irgendwann mal hab ich einen Weg gefunden, mit dieser Hochsensibilität um zugehen. Ich konnte mich so akzeptieren, wie ich war. Ich lernte, mich zu fokussieren, mich abzugrenzen, in die Beobachterrolle zu gehen, meine Gefühle anzunehmen und nicht gegen sie anzukämpfen. Ich lernte meine sensitive Seite ganz neu kennen. Kraftvoll. Unterstützend. Ich lernte, wie ich mit diesen Energien, die ich wahrnehme umgehen kann. Wie ich sie für mich nutzen kann, wie ich mich abgrenze, schütze.

Und ich lernte auf meine Intuition, mein Herz und mein Bauchgefühl zu vertrauen.

Meine Hochsensibilität wurde für mich „normal“ und so sah ich mich gar nicht mehr als so speziell an. Ich weiss, dass wir in unserer Familie alle Hochsensibel sind. Und ich weiss, dass das manchmal gar nicht so einfach ist, dass sich jedes Familienmitglied hier drin wohl fühlt. Mein Mann braucht viel Ruhe. Für sich. Rückzug. Struktur und Ordnung. Das ist ziemlich schwierig mit drei Kindern. Ich, ich brauch meine zwei drei Stunden am Morgen für mich. Ich muss in meine Welt eintauchen können. Sonst fehlt mir der Zugang zu mir. Für uns beide als Eltern ist es wichtig, dass wir uns noch sein können, uns nicht im Familienchaos verlieren.

Und so spüren wir beide als Eltern auch die Bedürfnisse unserer Kinder. Die kleinste braucht zum Beispiel ganz viel Nähe. Wir geben sie ihr. Niemand von uns will zum Beispiel alleine schlafen. Also schlafen wir auf einem Haufen.

Letzte Woche, als ich diese zwei Tage im Krankenhaus war mit meiner Kleinsten wurde ich mir meiner Hochsensibilität wieder bewusst. Dort gab es so viele Energien, Schicksalsschläge, Trauer, Hilflosigkeit. Ich musste mich immer und immer wieder auf mich besinnen. Schauen, dass ich nicht im Drama versinke. Beobachten. Annehmen. Heraus finden, weshalb mich das alles so aufwühlt.

Und so wurde mir wieder mal bewusst, ja, ich bin hochsensibel. Und ja, ich bin wahrscheinlich eine andere Mutter. Und hab andere Kinder. Und wir sind völlig ok so wie wir sind. Wir sind mehr als nur ok, wir haben ein riesengrosses Potential in uns!

Denn wir sind es, die sich auf eine ganz besondere Art und Weise in unsere Kinder hinein fühlen können, spüren, was sie gerade brauchen. Wir sind es, die spüren, dass wir so, wie sehr oft entbunden wird wir nicht gebären können. Wir brauchen dazu Ruhe, müssen uns in unsere Welt zurück ziehen können, dieser GeburtsKraft Ausdruck verleihen könnnen. Wir müssen uns getragen und sicher fühlen können. Denn wir wissen, dass für uns diese Geburtserfahrung etwas ganz wichtiges ist in unserem Leben. Ja, Hochsensible Gebären wahrscheinlich anders. Nicht nach Schema F.

Wir sind es, die spüren, dass diese Gesellschaft oft einfach nur noch funktioniert, dass viele Menschen sich in einem Hamsterrad befinden, nicht authentisch sind. Wir spüren jede Veränderung in unserem Familiensystem, halten es zusammen, strecken unsere Fühler aus. Wir sind diese WolfsMamas, die auf ihr Gefühl und ihre Ituition hören. Neue Wege gehen, erkennen, dass die Welt sich verändern darf. Vielleicht sind wir sogar sowas wie Pioniere, Revoluzzer. Wer weiss.

Es ist an der Zeit, dass wir uns zeigen. Dass wir dazu stehen, wer wir sind. Wir für uns und unsere Kinder einstehen. Denn wir sind ihre Experten. Es ist an der Zeit, nicht mehr als Sensibelchen abgestempelt zu werden, sondern das unglaubliche Potential darin zu erkennen und zu entfalten. Für sich einzustehen, für die Bedürfnisse unserer Kinder einzustehen, die wir am besten spüren. Denn unsere Kinder kommen auf diese Welt um sie zu verändern. Unsere Kinder sind pur. Die wollen sich nicht verbiegen lassen. Die haben keinen Bock auf Funktionieren, auf ruhig stellen, auf gefallen müssen. Sie wollen selbstbestimmt sein. Selbstbestimmt Hochsensibel. Kraftvoll. Ihre Antennen brauchen. Die haben keinen Bock auf Filter.

Hochsensibel zu sein bedeutet manchmal auch, neue Wege einzuschlagen. Das, was einem nicht gut tut los zu lassen. Weil gerade wir es spüren, was uns nicht gut tut. Ja, das kann manchmal schmerzhaft sein. Und ja, manchmal fühlt man sich dabei vielleicht oft allein. Aber man spürt auch dieses Herz in einem, das sagt, dass es ok ist, diesen Weg zu gehen.

Und ja, vieles liegt manchmal direkt vor einem und man erkennt es lange nicht. So sind es bei mir diese hochsensiblen Menschen, die mich faszinieren, denen ich beistehen möchte. Sie begleiten möchte, ihnen zeigen will, wie man in dieser manchmal scheinbar „rauhen“ Welt hochsensibel Mutter und Frau sein kann.

HerzBauchWerk Newsletter

HerzBauchWerk Newsletter

Ja, ich möchte mich von HerzBauchWerk per Mail inspirieren lassen!

Du hast dich erfolgreich angemeldet!

Share This