Ich wohne auf dem Land, in einem kleinen, ruhigen 900 Seelen Dörfchen. Ich bin die Sorte Mensch, die dieses Leben liebt. Ich mag es, wenn jeder jeden auf der Strasse kennt, man sich „grüezi“ sagt und manchmal fast nicht vom Fleck kommt, wenn man einkaufen will, weil man überall jemandem hoi sagt und kurz fragt, wie es einem geht.

Ich fühl mich hier aufgehoben und geborgen. Klar, in einem Dorf macht auch vieles die Runde, gibt es „gwundrige“ Menschen, die kümmern mich aber nicht sehr viel.

Gestern durfte ich wieder mal meine gewohnte Umgebung verlassen, ich hatte eine Sitzung in Zürich, da ich noch einige kleine Jobs aus meiner ZahntechnikerWelt mitgenommen habe (welche ich im Übrigen einen nach dem andern am los lassen bin, Schritt für Schritt).

Die Reise nach Zürich dauert eine Stunde mit dem Zug und so hab ich mich auf eine gemütliche Fahrt ohne Kinder gefreut.

So gemütlich wie ich dachte konnte ich aber nicht reisen.

Angefangen hat alles ganz entspannt. In unserem Dorf stieg ich in die S Bahn Richtung Lenzburg ein, um dort dann auf den InterRegio nach Zürich umzusteigen.

Als ich im Bahnhof so auf den Anschlusszug wartete, wurde es mir immer unwohler. Laute Züge preschten an mir vorbei, Durchsage an Durchsage hämmerte in meinen Ohren, das Perron füllte sich mit immer mehr Menschen und plötzlich wurde mir wieder bewusst, wie sehr ich diese Situationen hasste.

Ich hasse es, wenn Menschen meinen gefühlten 50cm Sicherheitsabstand nicht einhalten. Wenn plötzlich jemand ganz nah neben mir steht.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich in meiner Meisterausbildung nach Bern oder Zürich reisen musste und es immer schlimmer fand, aus dem Zug auszusteigen und in dieser Menschenmasse drin mit getragen zu werden.

Ich stieg also irgendwann in den Zug ein, der schon ziemlich voll war. Ich sah Menschen mit Kopfhörern, die Musik hörten, die meisten schauten auf ihr SmartPhone und tippten wild was auf dem Display, andere nutzen die Fahrt um zu telefonieren. Die meisten machten mir einen gestressten, unzufriedenen Eindruck und ich fragte mich, was die da wohl machen. Was ich hier mache.

Mein Kopf brummte, er fühlte sich an wie tausend Bienen darin rum summten.

Ich musste mich kurz in Ruhe auf mich besinnen und ich tat, was ich in solchen Situationen immer tue: tieeeeef ein und ausatmen, mich auf meine Füsse konzentrieren, mich ausdehnen.

Je weiter der Zug fuhr, je mehr dem Grün das Grau wich, es immer verbauter und urbaner wurde, desto unwohler fühlte ich mich. Ich merkte, wie der Zug quietschte, ratterte, laut war und ich fragte mich, wie ich das früher so durchgestanden hab.

In Zürich angekommen, in der grossen, weiten Welt, der City, machte ich mich auf zu meiner Sitzung. Und irgendwann, als ich in dieser Runde sass, mit all den netten Menschen, merkte ich, wie mich wieder ihre Emotionen trafen. Da war jemand nicht bei der Sache, irgendwie abgelenkt. Langweilt er sich? Irgendwie ist die Stimmung zwischen A und B ziemlich eingefroren. Haben die sich gezofft? Ich kann nicht zum anschliessenden Essen bleiben, uh, was sie wohl von mir denken?  …

Den Heimweg trete ich mitten in der Rushhour an. Der Zug ist also noch voller als vorher. Ich setze mich neben eine ältere Dame, frage vorher ob hier noch frei ist und sag den jungen Menschen gegenüber auch noch Grüezi. Und werde mit grossen Augen angeschaut. Naja, sagt man denn nicht mehr hallo? Darf man denn die andern Menschen in diesem Raum gar nicht mehr wahr nehmen?

Ich erinnere mich an meine Ausbildungszeit, als ich mit dem Postauto nach Luzern pendelte. Damals gab es noch keine Gratiszeitungen oder Smartphones. Es gab nur Menschen, die Bus fuhren. Und ich kann mich daran erinnern, dass ich mit ganz vielen Menschen ganz tolle Unterhaltungen zu dieser Zeit hatte. Menschen, die ich nicht kannte, die mir aber ihre Geschichte erzählten. Oder eben einen kleinen Ausschnitt davon. Ich hab das geliebt.

Heute hab ich das Gefühl, spricht man nur noch miteinander, wenn man sich kennt. Naja, ist ja auch ok, Zeiten ändern sich.

Ich hab das Gefühl, in diesem Zug will einfach jeder nur für sich sein. Sich von dem ganzen drumherum abschotten. So schaut jeder wieder in sein Phone, liest das 20 Minuten oder den Blick am Abend oder telefoniert durch das ganze Abteil.

Hm. Spannend denke ich. Vielleicht geht es den meisten in diesem Zug gleich wie mir. Der Schädel brummt, und sie stellen ihn ruhig mit Ablenkung. Wer weiss. Ich frag mich kurz, ob wir Menschen wirklich für ein solches Leben gemacht sind. Und schon darf ich wieder in Lenzburg umsteigen. In die ruhige S Bahn, die gerade gefüllt ist mit ein paar Teenies.

Der Zug leert sich von Haltestelle zu Haltestelle und es wird ruhiger. Ich auch. Ich merke, wie ich langsam wieder bei mir ankomme. Als ich bei uns im Dorf aussteige und durch den alten, ruhigen Dorfkern nach hause gehe wird mir bewusst, dass auch ich hier angekommen bin nach 1,5 Jahren. Ja es ist mein Zuhause, dieses kleine, feine, ländliche Dorf in dem sich alle kennen. Hier, wo mein Mann aufgewachsen ist und jeder mich kennt, nur ich sie nicht, weil ich die Frau „vom Suppiger“ bin. Hier, wo alle Alteingesessenen wissen, dass mein Sohn der Junge „vom Suppiger“ ist, weil er so unglaublich fest dem Papa ähnelt.

Der Alltag mit Kindern ist oft streng, wild, laut hektisch. Aber für mich nichts im Vergleich zu einer Reise in die City. Und so hab ich wieder unglaublich vieles erfahren dürfen gestern.

Hochsensibel reist man anders. Grosse Menschenmassen fühlen sich oft erdrückend an. Laute Geräusche scheinen oft das ganze Hirn weg zu blasen. In einer Runde Menschen zu sitzen und mit ihnen zu diskutieren kann total spannend sein. Und aufwühlend. Wir sind irgendwie immer auf der Suche nach Harmonie, Ausgleich, Ruhe. Haben angst davor, dass alles zuviel wird, wir von dem Zuviel weg gespült werden. Haben angst davor, nicht gesehen und nicht verstanden zu werden, in dieser Menschenmasse unter zu gehen.

Es gibt viel zu tun für uns Hochsensible. Und darauf freue ich mich. Denn es gibt Wege, wie wir aus dieser Sensitivität ganz vieles schöpfen und verändern dürfen. Unser Potential erkennen und leben dürfen.

 

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