Bedürfnisse. Ein grosses Wort. Ein Wort, das heute, so glaube ich, ziemlich in Mode gekommen ist. Für uns Mütter. Denn ziemlich schnell mal, wenn wir ein Kind auf diese Welt setzen, werden wir mit dessen Bedüfnissen konfrontiert. Da ist ein kleines, feines Wesen, dass ohne uns nicht überleben kann. Es braucht unsere Nähe, unsere Aufmerksamkeit, Liebe, unsere Milch.

Ganz ehrlich, als ich zum ersten Mal Mutter wurde, liess es mich gehörig meine FudiBacken zusammen ziehen, als mir bewusst wurde, wie sehr dieses kleine Würmchen von mir abhängig war. Mutter sein war nicht nur ein 100% Job, der abends um 17.00 Uhr vorüber war und man die Füsse hoch legen kann. Nein mein Einsatz dauerte 24 Stunden. Im DreistundenTakt wollte dieses Kind gestillt werden. Tag und Nacht. Für eine Zeit lang verlor ich jegliches Zeitgefühl. Und das Gefühl für mich und meinen Körper.

Meine Aufgabe bestand nur noch darin, für dieses wundervolle Kind da zu sein.

Und klar, das hab ich auch getan. Voller Hingabe. Vom Zeitpunkt der Geburt wird es zu unserer grossen Aufgabe, die Bedürfnisse von diesem Kind zu lesen und zu stillen. Denn wir wollen ja, dass es unserem Kind gut geht, dass es in einem vertrauensvollen, geborgenen Umfeld gross werden kann. Dass es so sein kann, wie es ist. Beschützt und geliebt wird.

Bedürfnisse, so scheint es mir, sind etwas, dass Frauen allgemein oft gelernt haben bei sich selber hinten an zu stellen. Zuerst kommen alle anderen und zum Schluss frau selber. Ich gebe es zu, auch ich finde, dass eine gute Mutter erkennt, wenn wer in der Familie was braucht und dann diese Bedürfnisse stillt. Ist ja auch unsere Aufabe, oder?

Schwierig wird das alles, wenn wir selber nur noch die Bedürfnisse anderer sehen und unsere eigenen nicht mehr wahr nehmen können. Ich erfahre immer wieder, dass dies ein sehr grosser Stolperstein von hochsensiblen Menschen ist. Sie nehmen die Bedürfnisse anderer Personen manchmal fast besser wahr als der betreffende Mensch selber. Das macht sie natürlich zu ganz tollen Gesprächspartnern und Lebensberatern.

Eigentlich ist dies eine wunderschöne Gabe. Aber nur so lange, wie man sich selber und die eigenen Bedürfnisse nicht aus den Augen verliert.

Hat man jedoch das Leben lang in sich die Glaubensmuster programmiert, dass man besser, harter, tapferer, schneller und weniger empfindlich sein soll als die anderen, dann hat man auch das Gefühl, dass die anderen besser, schneller, harter und tapferer sind als man selber.

Man unterwirft sich.

Stellt andere immer eine Stufe höher als man selbst. Sieht nur noch, was die brauchen und will natürlich gefallen, mit halten können.

Man fühlt sich immer eine Spur schwächer und weniger gut als andere.

Hochsensible Kinder sind spezielle Kinder. Sie ticken anders. Sie können mit Ungerechtigkeiten sehr schlecht umgehen, fühlen sich sehr stark in andere Menschen hinein, können schon früh sehr tief und vernetzt denken. Das alles sind wunderbare Gaben. Es ist ganz wichtig, diese Kinder so anzunehmen, wie sie sind, und in genau diesen Gaben zu fördern, sie zu unterstützen. Wenn ihnen alles zu viel wird, dann ist es wichtig, mit ihnen einen Weg zu finden, wie sie mit dieser Reizüberflutung umgehen können.

Ansonsten beginnt ein Teufelskreis: Das Kind merkt, dass es so, wie es ist nicht richtig ist. Es will aber unbedingt gefallen, weil es einen sehr hohen Anspruch an sich hat, alles perfekt machen will. Es fängt an, seine eigenen Bedürfnisse hinten an zu stellen, um zuerst die Bedürfnisse im Aussen zu befriedigen. Damit es wieder Liebe und Anerkennung erfährt. Es gibt sich selber auf. Sucht Orientierung im Aussen, passt sich an. Das kann so weit gehen, dass es sich selber überhaupt nicht mehr spürt.

Ich kenne viele solcher Kinder. Sie sind heute erwachsen und wachen langsam auf. Sie kommen zu mir und fragen mich, was sie tun sollen. In kleinen Schritten fangen wir zusammen an heraus zu finden, wer sie eigentlich sind. Ganz ganz tief im Inneren.

Wir finden heraus, welche Bedürfnisse für sie wichtig sind, um ein glückliches Leben führen zu können.

Ich kenne viele hochsensible Mütter. Mütter, die die Bedürfnisse ihrer Kinder lesen können wie niemand anderes. Mütter, denen bewusst ist, was passiert, wenn man sich einfach über Bedürfnisse und die Persönlichkeit eines Menschen hinweg setzt.

Mütter, die ihre Kinder nicht brechen wollen, sondern sie sehen. In ihrer ganzen Grösse.

Attachement Parenting ist für mich eine Bewegung, die von solchen Müttern getragen und genährt wird. Sie ist etwas ganz wunderbares. Etwas tolles. Sie hilft uns, unsere Kinder so zu sehen, wie sie sind. Sie müssen nicht mehr in irgend eine Kiste gezwängt werden, die nicht zu ihnen passt.

Sie haben gelernt, den Raum, den unsere Kinder in dieser Welt ausfüllen wollen zu erkennen und zu wahren.

Ein grosses Risiko bleibt aber immer noch bei diesem Lebensstil: Hast du deine Einzigartigkeit als Frau und Mutter nicht erkannt, und immer gelernt, deine Bedürfnisse denen der anderen unterzuordnen, wirst du nie glücklich mit dieser Art zu leben. Du wirst dich immer für die anderen Familienmitglieder aufopfern und dich hinten an stellen. Irgendwann mal wird dir vielleicht sogar das alles zu viel und du siehst den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Du erkennst den Sinn hinter dem allem nicht mehr.

Spätestens dann ist es Zeit für dich, hin zu schauen. Dein inneres Kind anzuschauen und es zu fragen, welche Bedürfnisse es hat, was es leben will, wie sein eigener Raum aussehen und gefüllt werden soll.

Daran ist absolut nichts falsch. Das ist nicht egoistisch. Auch für deine Kinder nicht. Im Gegenteil. Es ist sehr wichtig für Kinder, dass sie erkennen, dass nicht nur sie Bedürfnisse haben, die gestillt werden sollen sondern auch die eigene Mutter.

Nur so lernen Kinder, auf andere Menschen einzugehen und auf sie acht zu geben. Nur so lernen sie, dass andere auch ein Recht auf einen eigenen Raum haben, der gefüllt werden darf.

 

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