Was passiert, wenn sich eine Frau bewusst für ein Baby entscheidet, grünes Licht gibt, nicht mehr verhütet, sich öffnet für das Empfangen? Ich glaube, die KinderWunschZeit gehört wohl zu den spannendsten im Leben einer Frau, wenn sie bewusst erlebt wird. Diese Zeit kann aber auch sehr belastend werden.

Ich bin ganz ehrlich: bevor ich mich mit dem Thema Kinder bekommen befasst hab, hat mich mein weiblicher Körper und mein Zyklus ziemlich wenig interessiert. Im Gegenteil, ich war froh, dass ich dank der MiniPille diese ätzende Menstruation austricksen konnte. Ich gehörte nicht zu den Frauen, die ihre Weiblichkeit zelebrierten. Im Gegenteil, ich wäre lange Zeit gerne so taf gewesen wie ein Mann. Ich konnte nicht erkennen, dass Frau sein, schwanger sein, gebären kraftvolle, transformierende Momente sein können, nein ich wollte das alles nicht für mich. Ich verband Weiblichkeit immer mit schwach sein, sich unterordnen, aufgeben für andere. Und ich wollte nie so werden! Deshalb hab ich auch lange lange Zeit meinen Kinderwunsch verdrängt. Ich hab mir eingeredet, dass es mir in der „Männerwelt“ besser gehen würde, hab mich auf die Karriere konzentriert. Heute weiss ich, dass das ganz viele Illusionen und Glaubenssätze waren, die ich (fast) alle aufgelöst habe.

Ich erkannte, dass es nichts kraftvolleres gibt im Leben einer Frau als Leben zu schenken. Meine drei Geburten haben mich diese Kraft spüren lassen, haben mir gezeigt, zu was alles mein Körper fähig ist. Nach meiner ersten Geburt verlieh ich mir den SuperHeldinnenStatus: ich wusste, ich hatte geboren, jetzt kann mich nichts mehr umhauen in diesem Leben! Ich habe mich mit meinem Körper versöhnt, war das erste Mal stolz auf ihn, nicht mehr so streng mit mir und konnte meine weiblichen Seite in Liebe annehmen. Ich erkannte, dass da eine ganz kraftvolle, weibliche Kraft in mir schlummert. Bevor ich all diese Erfahrungen machen durfte waren da aber ziemlich viele Ängste und Unsicherheiten, die es aus dem Weg zu räumen galt. Nur schlummerten diese Ängste unter einer tiefen Decke, sie waren mir nicht bewusst. Ich erkenne sie teilweise auch erst jetzt, fünf Jahre später, sie werden mir erst jetzt so richtig bewusst.

Am meisten hatte ich wohl mit diesen Ängsten und Unsicherheiten in der KinderWunschZeit zu kämpfen. 

Als wir uns  für ein Baby entschieden haben und ich keine Hormone mehr zu mir nahm, wurde mir bewusst, was diese Pille so mit mir und meinem Körper machte. Das Absetzen fühlte sich an wie ein Entzug. Mir war anfänglich oft sehr übel und ich merkte, wie sehr diese Hormone, auch wenn es wenig waren, meinem Körper zu setzten. Unbewusst. Denn mein Lebensgefühl wurde ein ganz anderes ohne die Pille. Ich fühlte mich freier, natürlicher, hatte das Gefühl, dass mein Körper endlich wieder „normal“ funktionieren darf. Meine Stimmung wurde viel besser, ich merkte, dass diese Hochs und Tiefs die ich immer wieder hatte gar nicht zu mir gehörten.

Die Erkenntnis, dass sich jetzt schon ziemlich viel verändert war der erste Schritt in ein ganz neues Körpergefühl. Ich schwor mir damals schon, dass ich nie mehr mit Hormonen verhüten werde.

Langsam stellte sich ein Zyklus ein und ich begann mich mit dem Thema auseinander zu setzten. Ich begann, meine Basaltemperatur zu messen und Tabellen auszufüllen. Ich wusste genau, wann mein Eisprung erfolgte. Ich wusste, mein Körper funktionierte richtig, und ich wollte schwanger werden! Ich hatte alles im Griff, dachte ich. Ich machte alles richtig, dachte ich. Und ich hab ein klares Ja gegeben, dachte ich. Natürlich hatte ich auch Sex zum richtigen Zeitpunkt, dachte ich. Aber ich wurde nicht schwanger. Mein Glaubenssatz fand bestätigung: sich auf die Weiblichkeit einzulassen bedeutet, sich schwach zu fühlen, nichts mehr kontrollieren zu können.

Heute weiss ich, dass diese ganze Kontrolle über mich und meinen Körper mich total angespannt hat. Ich war zu. Heute weiss ich, dass es so wohl ziemlich schwer sein muss für ein Baby, sich in einen so verspannten Körper einzunisten. Ich stell mir das so vor, dass da schon eine riesige Erwartungshaltung vorhanden ist, so dass es für diese beiden Zellen ziemlich schwierig wird zu wachsen. Das Fundament, in das sie sich eingraben möchten ist hart und glatt, weil es keine entspannte Atmosphäre bietet. Diese Zellen möchten und können nur eines: im Vertrauen wachsen. Nur wenn ich mir und meinem Körper nicht vertraue, ihn nicht darauf programmier, dass alles richtig kommt, wenn ich nicht darauf vertraue, dass das Baby genau weiss, wann der richtige Zeitpunkt ist um bei uns zu landen, dann zerstör ich das Fundament, oder mach es den Zellen enorm schwierig, Wurzeln schlagen zu können.

Ich wurde also (nach meiner Meinung) ziemlich lange nicht schwanger. Es klappte erst im 8. Übungszyklus wie man so schön sagt. Ich dachte mir damals, dass sich endlich die harte Arbeit ausbezahlt gemacht hat. Das Messen, planen, krampfhafte Entspannen. Mir war damals nicht bewusst, dass ich auch genau so in die Schwangerschaft eingestiegen bin. Ich las Woche für Woche nach, in welchem Entwicklungsstadium sich der Embryo befand, plante wie ich meinen Job im Aussendienst gestalten werde wenn ich Mama bin. Ich studierte Kinderwagen und Babybettchen, informierte mich über dies und das. Ich war im Aussen. Nicht bei mir. Neben den Schuhen, nur hab ich das nicht gemerkt. Ich wollte meine Kontrolle nicht abgeben, ich brauchte sie als Sicherheit. Ich brauchte sie, um mich nicht mit meinen Ängsten auseinander setzen zu müssen. Weil das war das letzte, was das Baby jetzt brauchte: eine angstvolle Mutter. Also war ich stark, selbstbewusst und gerne schwanger.

Dass ich nicht bei mir war, merkte ich erst, als ich an einem schönen Morgen aufwachte. Es war der 1. September 2011, der Tag an dem ich meinen zweiten Ultraschalltermin hatte. Mein erster Gedanke, als ich meine Augen öffnete war folgender: „Wow, Tanja, welch ein schöner Tag, geniesse diesen Augenblick, vielleicht sieht der Tag und alles andere bald ganz anders aus.“ Ich hab mich noch über diesen schlechten Gedanken gewundert. Ein paar Stunden später wusste ich weshalb ich ihn hatte: Auf dem Monitor des Ultraschallgerätes meiner Frauenärztin war kein Herzschlag zu erkennen. Mein Baby war nicht mehr am Leben. Error. Schock. Klar, das passiert. Das „Risiko“ dafür ist ja ziemlich hoch. Du hast nichts falsch gemacht. Nur weshalb hab ich Trottel nichts gemerkt??? Ich, meine Plazenta und meine Gebärmutter waren in der 14. Schwangerschaftswoche, nur mein Baby, das hat seinen Bauplan in der 8. Woche abgebrochen. Ich fühlte mich schwach und von meiner Weiblichkeit betrogen. Mein Glaubenssatz fand bestätigung. Es hat mir den Boden unter den Füssen weg gezogen.

So traurig das Ganze ist, es war ein grosser WendePunkt in meinem Leben. Ich erkannte, dass sich vieles nicht planen liess. Ich erkannte, dass es Vertrauen braucht und nicht Kontrolle. Ich erkannte, dass das Leben seine eigenen Regeln hatte. Und ich fing an, in mich hinein zu fühlen. Ich fing an zu malen. Ich reduzierte meinen Job und kündigte ihn später, um etwas „kinderfreundlicheres“ zu machen. (Heute weiss ich, das war der erste Schritt in die richtige Richtung für mich, ich konnte damals nicht sofort alles los lassen, aber auch das ist gut so!)

Ganz konnte ich die Kontrolle noch nicht ablegen. Zu gross waren meine Glaubenssätze, es ist ein Prozess sie zu erkennen und gehen zu lassen, auch heute noch. Also mass ich weiter meine Basaltemperatur. So wusste ich weiterhin ganz genau, wann ich meinen Eisprung hatte. Und da ich ja meinen Job gewechselt hatte, und das ziemlich unpassend fand, schwanger eine neue Stelle anzutreten, wollte ich plötzlich nicht wirklich schwanger werden. Also eigentlich schon, aber etwas später. Da ich ja ein Kontrollfreak war, wusste mein neuer Arbeitgeber natürlich auch von meinem KinderWunsch. Er fand es ok. Nur ich fand es nicht so ok schon schwanger den neuen Job zu starten, also haben mein Mann und ich ein Weilchen einen grossen Bogen um die vermeintlich fruchtbaren Tage gemacht. Der Bogen war anscheinend etwas zu wenig gross, denn ich trat meine neue Stelle in der 14. Schwangerschaftswoche an. So viel zum Thema planen, kontrollieren, loslassen und vertrauen… 😉 Ich fand mich also schwanger in meiner MännerWelt wieder, denn ich führte damals ein Labor, und mir war es wichtig der Welt zu beweisen, dass ich zwar schwanger und eine (schwache) Frau war, aber genau gleich viel leisten konnte wie ein starker, unschwangerer Mann. Das hab ich auch getan. Ist aber ein anderes Thema. Auch diesen Glaubenssatz hab ich mittlerweile ad akta gelegt.

Nochmals ganz ehrlich: ich hab diese KinderWunschZeit nicht genossen. Ich hab sie nicht gemocht. Ich fand, dass ich eine Frau war, die nicht schnell schwanger wurde. Natürlich mochte ich es jeder Frau extrem gönnen, die sofort schwanger wurde, aber gleichzeitig war da dieser Schmerz in mir, dass es bei uns noch nicht geklappt hat. Jeder BabyBauch, den ich sah erweckte in mir die Sehnsucht, auch ein Baby haben zu dürfen. Jedes Mal, wenn meine Menstruation einsetzte war das für mich eine kleine Niederlage. Ich fühlte mich dann schwach. Und jeden Monat startete ich dann wieder neu und voller Hoffnung in einen weiteren Zyklus. Es war ein Auf und Ab. Ich hasste die Kommentare von meinem Umfeld, auch wenn sie gut gemeint waren: „geht mal in die Ferien und entspannt euch, dann klappt das schon!“, „Lass los, dann klappt das schon.“, „dann ist der Zeitpunkt halt noch nicht der richtige, das klappt dann schon!“, „du musst dich nur noch mehr gedulden, dann klappt das schon!“ Anscheinend waren sich alle anderen sicher, dass das dann schon klappt, nur ich nicht! 

Ich hätte mir nie gedacht, dass es von dem Entscheid an, ein Kind zu haben, bis wir es dann endlich in den Armen hielten ganze zwei Jahre dauern wird. Und heute weiss ich, dass es genau so sein musste. Heute kann ich das so annehmen und bin dankbar für jede Erfahrung. Auch für die nicht so schönen. Heute verstehe ich jede Frau, die sich sehnlichst ein Baby wünscht. Heute weiss ich, dass es möglich ist, auch in dieser Zeit sich kraftvoll zu fühlen, dass es möglich ist, sich auch unschwanger mit dem Baby verbunden zu fühlen. Ich weiss aber auch, dass das nicht einfach ist, wenn frau mitten drin in dieser KinderWunschZeit steckt. Und ich weiss, wie weh der Satz „das klappt dann schon“ tun kann.

 

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