Liebe Wehe.

Ich weiss, dass du nicht gerade zu den beliebten Zeitgenossen gehörst. Es gibt sogar Menschen, die dich nicht gerne beim Namen nennen. Weil in der WEHe schon das WEH drin ist. Und irgendwie tut mir das leid für dich, liebe WEHe. Denn bist nicht du die Kraft, die Macht, die mit uns ist, die es uns ermöglicht, unsere Kinder zu gebären? Nur so richtig mit offenen Armen  scheinst du bei uns gebärenden Frauen nicht empfangen zu werden, liebe Wehe.

Dreimal hast du mich besucht, bist mit mir an meine Grenzen gegangen, hast meinen Körper dazu befähigt, meine Kinder zu gebären. Du hast mich spüren lassen, wie gewaltig kraftvoll eine Geburt sein kann. Du hast deine geballte, ungezügelte Energie in meinem Körper ausgebreitet. Wie eine Welle hast du dich immer wieder in mir aufgetürmt und bist über meinen Körper gerollt. Ein unbeschreibliches Gefühl. Ich hab gelernt, mich dem hin zu geben, hab gelernt, meinen Körper dir zur Verfügung zu stellen, damit du ungestört arbeiten konntest.

Dazu brauchte es jede Menge Vertrauen von meiner Seite.

Denn bevor ich dich zum ersten Mal erleben durfte warst du für mich ein Mysterium. Ich hab viel von dir gehört und gesehen, oft waren es Schauergeschichten. Je mehr ich von diesen Geschichten hörte, desto grösser erschienst du mir. Irgendwann mal sahst du aus wie ein riesiger, unüberwindbarer Berg der sich gewaltig gross vor mir aufgetürmt hatte. Du schienst unbezwingbar.

Lange Zeit empfand ich dich, liebe Wehe, als eine Strafe die uns der liebe Gott oder sonst wer auferlegt hatte. Uns armen Frauen. Wir, die dieses Leid ertragen mussten. Irgendwie, ganz egal wie. Mit manchen von uns hattest du wohl Mitleid und liessest sie ungeschoren davon kommen. Diese Frauen waren aber extrem selten in meinen Augen und hatten unglaublich viel Glück.

Andere, ja andere hast du malträtiert, gefoltert und sie mussten deine Grausamkeit voll und ganz ertragen. Du hast dich in ihren Körpern breit gemacht wie ein Dämon und sie gepeinigt, ihnen alles abverlangt, bis endlich dieses Kind auf der Welt war. Und die Frauen am Ende. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, dass man dich gerne betäuben möchte. So, dass deine Macht etwas geringer und kontrollierbarer ist, so, dass wir nicht so viel von dir ab bekommen, so dass du etwas erträglicher wirst und ganz ganz schnell wieder vergessen bist.

Ganz ehrlich.

Ich will nichts beschönigen, und ich weiss, wir beide können die Karten auf den Tisch legen und offen miteinander reden. Ich hatte lange Zeit angst vor dir. Ich wollte dich eigentlich gar nie wirklich in meinem Leben willkommen heissen. Ich hatte keine Lust dazu, diesen Berg zu erklimmen. Es schien mir viel zu anstrengend. Ich hoffte darauf, dass es irgend jemand gab, der mir diese Arbeit abnehmen würde.

Ich sah ab und an Geburtsvideos von Frauen, die, so schien es mir, dich ausgetrickst hatten. Irgendwie haben es diese Frauen fertig gebracht, dass du sie verschonen würdest. Sie schwammen in sanften Bewegungen in ihren Geburtspools und schienen dich völlig auszublenden. Du warst nicht existent. Glaubte ich.

Genau DAS wollte ich auch!

Bis ich begriff, dass diese Frauen genau das Gegenteil davon machten. Sie haben dich nicht ausgeblendet, ausgetrickst oder unterdrückt, oooooh nein! Sie haben dich mit offenen Armen willkommen geheissen! Sie haben ihre Ängste vor dir abgelegt, haben sich dir hin gegeben und liessen dich arbeiten. Ganz ungestört. Sie standen vor diesem riesigen Berg und haben ihn studiert, haben für sich heraus gefunden, welche Route sie wählen sollten, wie sie ihre Kräfte einteilen müssen und sie sind los marschiert. Schritt für Schritt.

Ein berühmter Bergsteiger hat mal gesagt: „wenn ich in der Wand bin, sind für mich alle Ängste nicht vorhanden, ich konzentriere mich nur auf den nächsten Griff, den nächsten Schritt. Etwas anderes ist nicht existent.“ Reinhold Messner war dieser Bergsteiger. Plötzlich kamen mir die Worte einer Hebamme  in den Sinn, die eine Geburt mit dem Erzwingen eines 8000ers verglich.

Ich wusste, falls ich mich für ein Kind entscheiden würde, gäbe es kein Entrinnen, ich müsste mich irgendwann mal dir stellen. Irgendwann würdest du dich vor mir auftürmen und dich in voller Grösse präsentieren. Irgendwann wäre ich dran, den 8000er zu erklimmen. Ob mir das gefallen würde oder nicht. Irgendwann werde ich vor diesem Berg stehen müssen und los marschieren. Mit dir oder ohne dich. Ob ich dich nun Wehe oder Welle nennen würde. Und genau das machte mir angst.

Nur, das hier wird meine Expedition!

Und so machte ich mir Gedanken darüber, wie die wohl aussehen sollte. Ich fing an, mich mit dir zu verbinden, ich hatte keine Lust mehr, um den heissen Brei herum zu reden und zu warten, bis du irgendwann mal auftauchst und mich überrumpelst, mich diesen scheiss hohen Berg hinauf zerrst und ich irgendwo in den Seilen hänge oder gar abstürze. Mir wurde bewusst, dass ich dich bräuchte um diesen Berg zu erklimmen. Und so wollte ich nicht gegen dich arbeiten sondern mit dir.

Du wurdest mein Partner. Wir wurden eine unbezwingbare Seilschaft.

Ich fragte mich, was du wohl brauchen würdest, um mit mir deine Kraft zu entwickeln. Ich fragte mich, was wir beide brauchen würden, um miteinander diesen Berg zu erklimmen. Du würdest den Rhythmus vorgeben, ich würde mich danach richten. Mir wurde bewusst, dass ich mich auf meinen Atem konzentrieren musste, um mit deinem Tempo mithalten zu können. Mir wurde bewusst, dass ich mich öffnen musste für deine Kraft, ich wollte ihr Raum geben, damit sie sich widerstandslos in mir ausbreiten durfte.

Ich sah dich nicht mehr als notwendiges Übel, sondern als meinen Partner in dieser Seilschaft, die mich sicher auf diesen Gipfel bringen wird. Ich gab dir die Erlaubnis mich zu führen, aber so, dass ich noch mithalten kann. Und ich hatte keine Lust dazu, von dir auf diesen Berg gezerrt zu werden. Ich wollte diese Expedition geniessen, meine Füsse am Boden spüren, spüren, wie ich bewusst einen Schritt nach dem anderen mache. Und ich wollte dich beim Namen zu nennen. Du warst meine WEHe. Und trotzdem hast du die meiste Zeit nicht weh getan.

Ganze drei Expeditionen haben wir zusammen vollbracht.

Die erste hat uns beide überrumpelt. Wir waren beide noch nicht wirklich bereit dazu und wurden auf den Weg gezogen. Wir wurden gezwungen, nach einem Rhythmus zu marschieren, der uns nicht entsprochen hat. Der Berg vor uns hat sich aufgetürmt wie ein unbezwingbarer Riese. Das Wetter war nicht ideal, die Sicht war ziemlich neblig. Das machte es nicht wirklich einfach. Wir konnten unser Abenteuer nicht wirklich geniessen.

Aber ich hab zum ersten Mal deine Kraft gespürt und es ist mir lange Zeit geglückt, mit ihr zu gehen, zwischendurch haben wir den Takt zusammen gefunden und es war wunderbar! Ich wusste, ich würde mit dir wieder einen Berg bezwingen, das nächste Mal aber selbstbestimmt, auf unserer Route, nur wir zwei! Denn beim ersten Mal haben sich ein paar Seilschaften zu viel eingemischt. Wir konnten nicht weiter gehen, weil vor uns andere in den Wänden hingen, oder wir wurden gedrängt, weil die nächsten hinter uns aufgeschlossen haben. Das wollten wir bei der nächsten Expedition unbedingt verhindern, der Berg sollte nur uns gehören. So war es denn auch. Und es war wunderbar! Beim dritten Mal waren wir schon so ein so eingespieltes Team, dass ich den Berg richtig genossen habe. Ich habe die frische Bergluft in meinen Lungen gespürt, habe den felsigen Stein mit meinen Füssen geküsst bei jedem Schritt, habe den Ausblick vom Gipfel in mein Gedächtnis eingebrannt.

Plötzlich habe ich verstanden

Was dieser Messner meinte mit den Ängsten, die nicht in die Bergwand gehörten. Und plötzlich war für mich dieser Mann kein Verrückter mehr, der sein Leben für den Berg riskierte.

Ich sah diese wundervollen Frauen in den Videos, wie sie sich dem Prozess Geburt hin gegeben hatten. Wie sie sich dir voller Demut geöffnet hatten und dir Raum liessen, mit dir den GeburtsBerg erklommen haben. Ich begriff, dass das alles so sein darf und keine Ausnahme sein muss.

Das alles hat nichts mit Glück zu tun. Es passiert nicht, weil ich dich verleugne und nur noch Welle nenne. Es passiert nicht, weil ich ohne Schmerzen auf diesen Berg will oder so schnell wie möglich auf dem Gipfel sein möchte. Es passiert, weil alles eins ist, genau so, wie es sein muss. Es passiert, weil zu dem Zeitpunkt, für alle Beteiligten alles genau so passt wie es passen muss. Es passiert weil ich diese unsichtbare Grenze überschreiten konnte, ich meinen Verstand beiseite legte und eins wurde mit dem Berg. Ich war der Berg. Ich war Geburt. Ich war Wehe.

Und so war deine Macht mit mir.

Du warst präsent, ich war präsent. Ich konnte dir den nötigen Raum geben, den du brauchtest um durch meinen Körper zu strömen. Ich wusste, ich musste vertrauen. Entspannen. So, dass meine Muskeln dich deiner Kraft ungehindert zur Verfügung stellen konnten.

Aus rhythmischen Muskelkontraktionen der Gebärmutter während des Gebärens (danke Wikipedia) wurden Wellen, die mich überströmten, mit denen ich mit gehen konnte, entstand ein ganz spezieller Tanz. Passierte etwas, das ich kaum in Worte fassen konnte. Da war diese unglaubliche Kraft die mich mit nahm auf einen Wellenritt der ganz besonderen Art. Da war dieser Raum, der sich mir eröffnet hat, der mich zu einem neuen Menschen, einer Mutter gemacht hat.

Und ja, gebären funktioniert auch anders. Ich weiss. Aber ich weiss auch, dass wir unseren 8000er zusammen bezwungen haben, als Freunde. Und ich vergesse das, was sich auf dem Gipfel des Berges uns gezeigt hat niemals mehr.

Die Macht war mit uns. Danke liebe Wehe, dass ich das mit dir erleben durfte. Danke, dass ich dich so positiv in Erinnerung behalten darf. Danke, dass ich auf dir reiten durfte wie auf einer mächtigen, wunderschönen Meereswelle. Danke, dass du mit mir meine Kinder geboren hast.

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