Da lieg ich manchmal am Abend noch halbwach im Bett, das Baby ganz nah an mich ran gekuschelt, ich hör meine mittlere Tochter leise vor sich hin schnärcheln und in meinem Bauch macht sich dieses warme, schöne Gefühl breit. Mutterliebe. Dann ist alles perfekt, nach einem Tag der zeitweise Hölle war.

Warum ist das so? Weshalb ist es anscheinend so anstrengend Kinder zu haben?

Das ist eine Frage, die ich mir sehr sehr seeeeeehr oft stelle. Dann, wenn ich wieder mal in unserem Wohnzimmer steh und um mich herum wirbelt ein Tornado. Oder besser gesagt ein Tsunami. Meine Kinder haben das unschlagbare Talent, innerhalb von wenigen Minuten einen ganz ordentlichen, harmonischen Raum in einen Ort der Verwüstung zu verwandeln. Und das können sie sogar überall, nicht nur zu Hause!

Ich weiss, wir sind ja gerne Eltern, haben uns die Kinder gewünscht und lieben sie über alles. Aber muss Eltern sein so anstrengend sein? Muss so viel darunter leiden? Sind wir mal ehrlich, sobald wir Eltern sind ist das mit der Beziehung nicht mehr so prikelnd, weil so richtig spontan geht fast nix mehr, man liegt sich öfter in den Haaren, weil der Stresslevel erhöht ist und finanziell ist die Freiheit auch eingeschränkt weil Kinder so sauteuer sind!

Kaum ist das Baby auf der Welt beginnt der Stress. Ich kann mich sehr gut noch daran erinnern, als mein Sohn geboren wurde, dass mir eine Tatsache extrem eingefahren ist: Du bist jetzt Mama!!! Und zwar 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Ich hatte keinen Job mehr, den ich easy peasy am Abend wenn ich heim kam vergessen und aus meinem Gehirn verdrängen konnte. Oooooooh nein, ich war jetzt Mama, kam mit einem Neugeborenen vom Krankenhaus nach Hause und fand die Situation so absurd. Mein Mann und ich haben und damals angeschaut und uns gefragt: was machen wir jetzt? Das Baby lag im Bett und hat uns zum ersten Mal breit angelächelt. Einer dieser Zaubermomente.

Hm ja, was machen wir jetzt. Seit ich Mutter bin scheint es mir, dass ich sehr viele Strukturen los gelassen hab. Ich bin kein Freund von Ratgebern, Erziehungsstils, (ich praktiziere weder unerzogen, noch Attachement Parenting noch der Geier sonst was, ich bin einfach MamaSuppiger.) Wachstumstabellen, Statistiken und was es sonst noch so gibt. Das lenkt mich alles zu sehr ab. Von mir, als Mutter, von meinen Kindern, die schon als ganze, spezielle Persönlichkeiten hier auf die Welt gekommen sind. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich selber überhaupt nicht gerne in ein Klischee packen lasse, dass ich keinen Bock darauf hab, auch meine Kinder in irgend eine Richtung, die nur für mich stimmt zu erziehen.

Ich stellte mir, bevor ich zum ersten Mal schwanger wurde, folgende Frage: Was bedeutet es dir, ein Kind zu haben? Was willst du damit anfangen? Und wieso willst du überhaupt Kinder? Nun ja, ich hatte irgendwann mal echt Bock darauf, so einem kleinen Menschen die Welt zu zeigen. Nur, meine Welt ist nicht seine. Deine Welt, lieber Leser, liebe Leserin ist auch nicht meine. Jeder von uns sieht die Realität anders und so wie er oder sie will. Und so ist es wohl auch mit unseren Kindern. Ich bin der Meinung, dass wir alle mit einer bestimmten Aufgabe hier in diesem Leben landen, genau zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, bei den richtigen Eltern und Geschwistern. 

Frisch geborene Babys sind so perfekt. Man schaut in diese dunkeln, weisen Augen und hat das Gefühl man kann das Universum sehen, ja sogar riechen, so nah ist es! Wenn ich ein Neugeborenes im Arm halte bin ich immer voller Demut gegenüber dem Leben. Es ist alles da. Es scheint mir, diese Kinder sind noch ganz stark mit ihrem Herkunftsort verbunden. Nenn es Seele, Universum, Himmel oder sonst was.

Und dann?

Dann werden sie gross, diese perfekten Babys, diese wunderbaren Geschöpfe und fangen an ihre Welt zu entdecken. Machen ihre ersten Schritte, sprechen die ersten Worte und sie werden, wie sagen wir so schön? Unglaublich anstrengend!

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Das mit dem Chaos fängt klein an…

Das Zornometer.

Ich kann mich noch an meine Kindheit erinnern, wenn ich meine Mutter genervt hatte. Ich fand das total schlimm. Ich stand da und hab nicht verstanden, weshalb sie nun wieder so sauer auf mich ist und sich zwischen ihren Augen wieder diese längs gezogene, tief klaffende Zornesfalte gebildet hat. Ich musste nur zwischen ihre Augen sehen und wusste genau, mit welcher Stimmungslage ich zu rechnen hatte. Die Falte wurde zu meinem persönlichen Zornometer. Lustiger Weise hat sie diese Falte jetzt nicht mehr. Irgendwann ist sie verschwunden. (Obwohl auch meine Mama älter wird) An dieser Stelle sei gesagt: Mama, ich liebe dich, und weiss, dass es anstrengend war! Es geht hier nicht um deinen Erziehungsstil, sondern um ein Beispiel, also take it easy! 

Und so fühlte ich mich oft unverstanden und in meiner Freiheit beschnitten. Ich verstand nicht, weshalb ich jemand, der mich doch so liebte, so sehr nerven konnte. Wenn ich heute in meinem TsunamiChaos steh und meine Kinder anwäffel (jaaaaa auch ich mach das, weil es auch mir wird oft zu viel wird!) dann kommt mir immer wieder diese kleine, verletzte Tanja in den Sinn. Und ich glaube, das wird wohl der Grund sein, weshalb ich keinen Bock darauf hab, eine Mutter zu sein, die den ganzen Tag „Nein!“ „das macht man nicht“ und was der Geier was den Kindern hinterher motzt.

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…und endet gross…

Denn diese Kinder sind ein Geschenk

Die sind mir nicht einfach so mal zugeflogen. Es sind genau diese drei Menschen, die genau zum richtigen Zeitpunkt den Weg zu uns gefunden haben. Und ich habe es mir zum Sport gemacht, nicht nur ihnen meine Weltsicht zu zeigen, sondern mal ganz genau hin zu schauen um ihre Welt zu verstehen, um von ihnen zu lernen. Seit ich das mach, ist mein Leben ein riesen grosses Abenteuer geworden. 

Denn da dieser vierjährige super sensible Junge, der ganz viel Struktur braucht und damit hadert, dass seine Mutter viel zu viele spontane Einfälle hat die so gar nicht in sein Muster passen. Hoppla, da kann ein kleiner Spaziergang schon mal im Drama enden. Ein Junge, der mir Gefühle der Verzweiflung beschert wenn er den ganzen Tag nur kämpfen und am liebsten vor dem TV oder Computer sitzen will. Aber auch ein Junge, der mir gezeigt hat, wie schön es ist Mama zu sein, der der beste grosse Bruder ist den es gibt, auch wenn er manchmal die kleinere Schwester verhaut.

Und da ist das Sandwichkind. Das mit nur 13 Monaten Altersabstand genau so sein will wie der grosse Bruder. „Du kannst das nicht“ gibt es hier nicht! Sie ist mein Powerkind. Ehrgeiz pur. Duracell im Arsch. Unter dieser Power liegt aber ein ganz weicher, verletzlicher Kern, der gerne vergessen geht. Hier wird auf Durchzug geschaltet. Gehorsam kennt man nicht, denn wenn da was in dieses Köpfchen gesetzt wird, dann muss das auch gemacht werden. Wow, eine geballte Ladung Selbstvertrauen schiesst mir hier entgegen, die mich fast schon zittern lässt. Ein Urvertrauen ins Leben, wie ich es noch nie gespürt hab. Pippi Langstrumpf höchstpersönlich scheint bei uns gelandet zu sein.

Und die Kleinste? Sie ist unser Nesthäkchen. Die Beobachterin. Die, die unglaublich viel Liebe, unglaublich viel Mama und Familie braucht. Alleine möchte sie nicht sein. Sie will getragen sein, sich sicher fühlen, dann kann sie sich entfalten. Ohne Mama einschlafen geht nicht. Wenn ich mich trotzdem versuch weg zu schleichen ist das Baby innerhalb von 10 Sekunden wach. Es holt sich so die Nähe, die im hektischen TsunamiAlltag vergessen geht.

Ich könnte noch viel mehr schreiben über meine Kinder und dem, was sie mir zeigen. Hinaus möchte ich aber auf etwas anderes: Das alles ist ein riesiges Geschenk. Auch wir dürfen von unseren Kindern lernen, wir haben die Macht, sie entweder so zu verbiegen, mit Gewalt, dass sie in unser Leben passen, oder wir nehmen demütig die Herausforderung an und lassen sie unsere Meister sein. Das hat in meinen Augen nichts damit zu tun, dass wir Kontrolle oder Verantwortung abgeben. Nein, wir ermöglichen es unsern Kindern, dass sie sich selbst sein dürfen, mit all ihren Facetten, dass sie zu Erwachsenen heran wachsen, die wissen: ich bin ok so wie ich bin und ich werde so geliebt wie ich bin. Ich muss mich dafür nicht verbiegen. Ich weiss,wer ich bin. 

Ich brauchte elend lange mich aus dem „das macht man nicht“ „du sollst dies und das“ und nein „das geht nicht“ zu befreien, um der Mensch zu werden, der ich sein möchte. Ich bin immer noch auf dem Weg, dem Klang meiner Seele zu folgen, ihn zu verstehen. Ich hoffe, dass meine Kinder es mal leichter haben werden. Weil ich mir das für sie wünsche.

Diese Tatsache halte ich mir vor Augen, wenn ich wieder mal mitten in dieser TsunamiWelle drin stehe, die alles um mich herum scheint untergehen zu lassen. Dann sing ich dieses Lied von Wolfgang Petri: „es ist Waaaahaahnsinn, weshalb schickt ihr mich in die Hölle?“ und dann geben mir zwei kleine Kinder zur Antwort: „Hölle Hölle Hölle!“ Dann lachen wir meist alle und erfreuen uns an all den lustigen Menschen in diesem bunten Farbkasten den wir Familie nennen, putzen den klebrigen Sirup vom Boden, räumen das umgestellte Sofa wieder an seinen Platz, trocknen die nasse Kinderküche und hoffen, dass der Papa einen entspannten Arbeitstag hatte und sich nicht noch über unser Chaos aufregen muss…

Für alle, die mit mir lauthals mitsingen wollen…

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