Wie frei bist du? Das frag ich mich immer wieder. Vor allem als Mutter. Denn ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch. Sobald mich jemand oder etwas einengt, ich das Gefühl habe, jemand will über mich bestimmen oder mich in seine Richtung ziehen, schieb ich Panik.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, damals, vor vielen vielen Jahren als ich noch jung war und die Liebe ausprobiert hab, dass ich mich panisch von meinen Freunden trennte, wenn ich das Gefühl hatte, dass sie an mir klammern wollen. Es fühlte sich oft so an, als wurde eine unsichtbare Grenze überschritten, als würden sie in einen Raum eintreten, der nur für mich bestimmt gewesen wäre. Zum Glück habe ich heute einen Mann, der mir sehr viele Freiheiten lässt, der meinen Raum akzeptieren und spüren kann. So, wie ich seinen spür. Ich bin ihm dafür sehr dankbar, denn wir sind ziemlich unterschiedlich. Ich bin die Kommunikative, die, die nach draussen gehen muss, in Kontakt mit anderen Menschen sein will. Er ist eher der zurück gezogene.

Diese Grenzüberschreitungen passieren im Alltag immer wieder. Zum Beispiel an der Kasse im Supermarkt, wenn die liebe Dame hinter mir schon an der Kasse steht, während ich meinen Einkauf noch am Einpacken bin. Freundlich frag ich dann, ob sie gerne für mich bezahlen möchten. Irgendwie ist für mich einfach dieser „AnstandsHalberMeterAbstand“ heilig. Und ich fühl mich extrem unwohl dabei, wenn jemand diesen Abstand nicht einhält.

Vielleicht ist das etwas Grundsätzliches, ich weiss es nicht, mag sein. Vielleicht liegt es daran, weil wir Hochsensiblen eine ganz feine Wahrnehmung haben und sehr freiheitsliebend sind.

HSP brauchen ihre Unabhängigkeit. Sie wollen ihren Raum wahren können. Sich leben können. Sie sehnen sich oft nach Rückzug, alleine Sein, für sich sein. Wir spüren das mehr oder weniger unbewusst.

Manchmal fühlen wir uns sogar von anderen Menschen regelrecht ausgesaugt, sie zehren an unseren Reserven, wir bezeichnen sie gerne als Energievampire. Sie klauen uns unseren Raum. Nur, wenn wir in unserem Raum sind, ihn ausfüllen, dann kann uns den niemand weg nehmen.

Und wie ist das denn so, wenn man Mama ist? Ziemlich gewöhnungsbedürftig finde ich. Plötzlich ist da jemand anderes, der seinen Raum einnimmt. 

Wir müssen Platz machen für einen wunderbaren kleinen Menschen, der sein Leben mit uns teilen wird. Zuerst einmal im eigenen Körper. Wohl oder übel müssen wir in unserem Körper Raum schaffen für neues Leben. Etwas wunderschönes, ich weiss. Aber auch etwas, dass manchen Frauen angst machen kann. Dass einem überfordern kann. Vor allem dann, wenn der Körper nicht richtig mit macht, wir durch die Schwangerschaft Rückenschmerzen, Übelkeit oder sonst etwas erleiden und schon zum ersten Mal in unserer Freiheit eingeschränkt werden.

Und dann? Dann kommt dieses Baby in unser Leben. Wir werden Familie. Unsere Beziehung zum Partner verändert sich. Bedürfnisse ändern sich. Der eigene Raum scheint ein Stückchen kleiner zu werden.

Vielleicht, ja vielleicht war es schon vor dem Kind schwierig diesen Raum zu wahren, zu spüren. Und jetzt, jetzt scheint es unmöglich.

Mit jedem Kind wird dieser Raum kleiner oder er verändert sich. Wir übernehmen automatisch die Rolle der Mutter. Manchmal geht da die Ehefrau, die beste Freundin, die Geschäftsfrau oder einfach nur die eigene Essenz vergessen.

Etwas nimmt in uns zu viel Raum ein, etwas, dass wir ja gerne sind, dem wir gerne unser Achtsamkeit und volle Aufmerksamkeit schenken. Weil es uns mit Liebe erfüllt. Manchmal wollen wir das alles so perfekt machen, dass wir damit anfangen, die Bedürfnisse anderer über unsere eigenen zu stellen. Wir fangen an zu vergleichen und verschenken unseren Raum.

Stück für Stück. In kleinen Schritten.

Manchmal, ja manchmal wacht man dann irgendwann auf und fragt sich: wer bin ich eigentlich? Was macht mich aus? Weshalb ist alles so schwierig geworden? Wieso spür ich mich, meine Bedürfnisse nicht mehr? Frau hat keine Lust mehr auf diesen Überlebensmodus. Sehnt sich danach, gesehen zu werden. Sie sehnt sich nach dem Raum, den sie früher mal eingenommen hat, der so weit weg entfernt scheint.

Wenn wir von der Frau zur Mutter werden passiert mit uns so unglaublich viel. Ich hätt nie gedacht, wie viel. Wir verändern uns, machen eine Metamorphose durch. Fallen manchmal in Krisen, weil wir nicht mehr wissen, wer wir sind. Müssen uns wieder finden.

Ja, Kinder schränken unsere Räume ein.

Sie eröffnen aber auch ganz viele neue.

Neue Möglichkeiten entstehen.

Wir lernen uns neu kennen.

Wir erfahren, dass Liebe mehr wird, wenn wir sie teilen können und nicht weniger.

Wir erfahren, wie stark Mutterliebe sein kann.

Vielleicht kann das auch angst machen. Denn der Mensch, den wir bis jetzt so sehr geliebt haben, der uns so viel Freiheit geschenkt hat, dass wir einfach uns selbst sein durften bekommt jetzt Konkurrenz. Von einem kleinen, süssen Menschen, kaum lange auf der Welt, der unser Leben und unsere Gefühle auf den Kopf stellt. Manchmal fallen wir dann in ein Überlebensmuster. Ganz unbewusst. Über Jahre hinweg. Alles scheint super zu laufen. Der Job, das Mama sein, die Aufteilung der Familienaufgaben.

Wir erkennen nicht, dass wir keinen Platz mehr für uns haben. Alles vergeben haben, jedes freie Fleckchen besetzt ist. Mit Aufgaben, Verpflichtungen, Druck und „ich muss noch“.

Langsam spüren wir uns nicht mehr. Langsam geben wir uns ab. Das, was so perfekt scheint, dieses schöne Leben, scheint plötzlich nicht mehr zu passen. Vielleicht scheint auch der Partner nicht mehr zu passen. Veränderung muss her. Nur was für eine? Wohin? Mit all den Kindern, den Verpflichtungen, den Aufgaben, den Räumen, die man vergeben hat?

Eine grosse Frage kommt auf: Wer bin ich? Was will ich? Und plötzlich merkt man, dass da kein Raum mehr für sich selbst ist. Dass die eigene Essenz ganz ganz tief vergraben scheint. Frau sich verloren hat.

Oft sucht man im Aussen nach sich selber. Nach Lösungen, Orientierung. Nach jemandem. der einem so sieht, seinen eigenen Raum sieht, den man selber nicht mehr spüren kann.

Die Antwort findest du nur in dir drin. Geh auf die Suche nach dir, spür dich wieder, deinen Raum. Deine Bedürfnisse. Lerne, dich wieder zu lieben, zu leben, erober dir wieder ein Stück Unabhängigkeit zurück.

Und wer weiss, vielleicht wird dein Weg ein bisschen unkonventionell sein.

 

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