„Ein einziges, hochsensibles Familienmitglied macht gleich die ganze Familie sensibler.“

Habe ich geschrieben. Als grosse Erkenntnis, dick auf einer Folie in meinem Vortrag „was ist Hochsensibilität?“.

Doch ist es tatsächlich so? Was ist so speziell an hochsensiblen Familien? Was läuft bei ihnen anders als „normal“ und vor allem, wie geht es in der Mischform zu und her? Also in Familien, in denen einzelne Mitglieder HSP sind? Ich versuche diesen Fragen auf den Grund zu gehen.

Die hochsensible Familie. Harmoniebedürftigt, etwas verrückt und ein ticken anders.

Oder doch ganz normal?

Alles irgendwie unter einen Hut zu bringen und für jeden Einzelnen so zu sorgen, dass es ihm wohl ist in der Gemeinschaft ist wohl in jeder Familie DAS Thema schlechthin. Hochsensibel hin oder her. Dass FamilieSein nicht immer einfach ist, dass es in Familien chaotisch, laut und wild zu und her gehen kann, auch das wissen wir. Auch, dass Familie viel Potential für Konflikte bietet.

Mein Mann und ich, wir sind aus dem hs Pärchen eine hs Familie geworden und das hat unser Zusammenleben nicht gerade vereinfacht. Denn schon in der Partnerschaft brauchte jeder von uns seinen Raum und seine Freiheit, hatten wir beide vollkommen unterschiedliche Vorstellungen von Ordnung und Haushalt. Schon immer war mein Mann eher der introvertierte Typ, ich die Extrovertierte. Schon damals, nur zu zweit, wurde es ab und zu emotional, laut, und aufwühlend, wenn wir uns irgendwo mitten in einem Prozess wieder gefunden haben.

Schon damals kamen wir immer wieder an Punkte, in denen wir uns fragten, wie es mit uns weiter geht, in denen wir unsere Beziehung fein justierten, unsere Bedürfnisse erkennen, kommunizieren und aufeinander abstimmen mussten.

Das alles ist geblieben. Und drei Kinder sind dazu gekommen.

Drei hochsensible Kinder, die ihre Hochsensibilität aber auch auf ganz unterschiedlichste Art und Weise leben. Das eine Kind braucht sehr viel Struktur und Sicherheit, um sich wohl zu fühlen, das andere ist ein Freigeist, der auf Stur stellt, wenn es nicht nach seinen Vorstellungen funktionieren sollte und das Dritte braucht ganz viel Nähe und einen sicheren Hafen. Alle Drei fordern.

So wie Kinder immer fordern.

Vielleicht kann ich damit ein bisschen besser umgehen, weil mir meine eigene Hochsensibiliät bewusst ist, ich selber hs bin, wer weiss. Aber einfach finde ich es nicht immer.

Die Sache mit den Erwartungen und was passiert, wenn man sie fallen lässt.

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie wir uns unser Familienleben ausgemalt haben: Beide Elternteile arbeiten, beide bringen sich im Familienleben ein, machen zu gleichen Teilen den Haushalt und sind gleichberechtigt.

Die Realität sieht mehr als fünf Jahre später etwas anders aus. Mein Mann ist der Hauptverdiener, ich bin die Mama, die zu Hause bleibt. Das ganz normale, altgebackene und absolut verpönte Familiensystem leben wir also. Weils für uns am besten passt.

Kinder fordern. Kinder sind laut, wild, unberechenbar, brauchen ganz viel Raum. 

Sind Kinder anstrengend? Das hab ich mich schon oft gefragt. Und schon gefühlte tausend Mal habe ich mich abends um 20.00 Uhr, wenn keiner ins Bett gehen will und mein Nervenkostüm so dünn ist wie des Kaisers neue Kleider, getränkt in einem Gefühl von Ohnmacht gefragt, weshalb Kinder so verdammt nerven?

Meine Antwort: ich weiss es nicht! Irgend ein Experte hat sicher eine ganz plausible Erklärung dafür. Aber weisst du was? Sie ist mir egal. Denn es kackt mich einfach nur an, wenn mich meine Kinder ankacken. Ich will das nicht. Also hab ich mich irgendwann mal entschieden, dass mich meine Kinder grundsätzlich nicht nerven sollen. Auch wenn sie für manche vielleicht nervig, schwierig oder anstrengend sind.

Mit dieser Entscheidung kann ich sehr gut leben (und glaube mir, es funktioniert auch bei mir nicht immer, keine Angst!)

Laute Kinder, wilde Kinder, ein Alltag, der sehr spontan, unberechenbar oder unstrukturiert ist, ellenlange to do Listen und ein Haushalt, in dem immer wieder etwas liegen bleibt. 

Familie hat ein RIESENPOTENTIAL dich mit Reizen zu überfluten!!! Jede HS Mama weiss, wovon ich rede.

Familie hat das Potential, dass du deine Bedürfnisse als Frau aus den Augen verlierst. 

Familie hat das Potential, einfach nur anstrengend und frustrierend zu sein. Vor allem dann, wenn du den Anspruch an dich hast, dass in deiner Familie alles harmonisch läuft.

Familie ist nicht einfach. Familie ist ein Fulltimejob. Familie ist ein Schmelztigel aus verschiedenen Persönlichkeiten, die sich darin einfach wohl fühlen und so akzeptiert werden wollen, wie sie sind. (Auch die Mamas, gäll*!!!)

Hier soll jeder so sein dürfen, wie er ist, soll jeder zu seinen Bedürfnissen stehen können und soll jeder den Raum erhalten, den er braucht, um über sich hinaus wachsen zu können. Jeder. Nicht nur die Kinder. (Auch die Mama, gäll*!!!!)

Mein Gott. Wie viel hab ich gelernt seit ich Kinder hab. Seit ich dieses Familiendings mach. Ich glaube, keine einzige Weiterbildung oder Persönlichkeitsentwicklung würde tiefer gehen. Es setzt aber voraus, dass man sich auf die Prozesse einlässt. Dass man sich fragt, was einem dieses Kind gerade zeigen möchte. Dass man Bock darauf hat, heraus zu finden, weshalb jetzt genau diese Wutanfälle der Kinder einen selber an den Rand der Verzweiflung bringen. Dass man bereit ist, seine alten, destruktiven Glaubensmuster zu entlarven, los zu lassen und gegen eine neue, positive Einstellung umzutauschen.

Ist man dazu bereit, kann man uuuuunglaublich viel von Familie lernen.

Unsere Illusion von Harmonie haben wir begraben. Denn es braucht Reibungspunkte, Konflikte, verschiedene Standpunkte.

Gerade in Familien.

Damit man sich gegenseitig spüren kann. Damit man seine Bedürfnisse und die der Anderen erkennen, verstehen und nachvollziehen kann.

Die Vorstellung, dass man als Eltern Macht ausüben und konsequent den Kindern zeigen muss, wie das Leben funktioniert: haben wir für uns begraben. Statt dessen beobachten wir ganz gespannt, was sie uns zu zeigen haben. Wir beobachten, wie ihr Leben geht. Und lernen ganz viel über unseres dazu.  Meine Kinder, meine Meister. Begegnung auf Augenhöhe. Es gibt keinen Grund, mich auf ein Podest zu stellen. Oder umgekehrt, meine Kinder auf ein Podest zu stellen. Alle sind hier gleichwertig.

Die Vorstellung, dass wir uns möglichst an ein „normales“ Familienleben anzupassen haben: hat es für uns noch nie gegeben! Denn wir wussten von Anfang an, dass hier wohl so einiges ein bisschen anders läuft. Das, was sich für uns gut anfühlt ist für uns normal.

Für alle Familien, deren hochsensible Mitglieder in der Minderheit sind möchte ich noch etwas sagen: Ein hochsensibles Kind, ein hochsensibler Elternteil machen das ganze FamilienSystem sensibler. Ob das so akzeptiert, als wuderbare Chance angesehen werden kann  oder nicht, das ist wohl die grosse Frage.

Denn vielleicht ist es der Anstoss dazu, auch in einer ganz „normalen“ Familie neue Wege zu gehen und sich den sensiblen Anteilen ein bisschen mehr zu öffnen, so dass alle Beteiligten davon profitieren können. So, dass jeder Einzelne im System seinen Platz haben und leben kann. Auch die feinen, sensiblen und introvertierten Familienmitglieder. Es ist absolut möglich, ihnen den geschützen Rahmen zu schaffen, den sie brauchen, um ungestört und ohne grosse Vorurteile gross zu werden. Oder einfach nur hochsensibel Mama oder Papa sein zu dürfen. In einer ganz normalen Familie.

 

*gäll ist so ein schweizer Ausdruckdings dass soviel heisst wie „nicht wahr“ oder so. Verstanden, gäll?

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