Etwas beschäftigt mich gerade sehr. Und zwar sind es unsere Gefühle, unsere Emotionen. Vor allem in Bezug auf hochsensible Menschen wird sie immer wieder oft diskutiert, unsere intensive Emotionalität. Viele HSP fragen mich, wie sie denn konstruktiv umgehen können mit ihren Gefühlen.

Ganz einfach, antworte ich meistens: Fühl sie, lass sie zu, beobachte.

Aber so einfach scheint das oft nicht zu sein. Warum?

Die Konditionierung ist schuld.

Es ist ja immer relativ einfach, einen schuldigen zu finden, stimmts? Und so hör ich oft, dass wir halt in unserer Gesellschaft nicht oder nur schlecht lernen, mit unseren Gefühlen umzugehen. Man darf nicht übertrieben viel Freude zeigen sonst ist man irgendwie zu aufgedreht, man darf nicht wütend sein, sonst ist man zu auffällig und einen Trauerprozess sollte man möglichst schnell durchgearbeitet haben, sonst ist man depressiv oder einfach zu schwach für diese Welt. Denn heiiii, das Leben geht weiter!

Am besten, so scheint es mir, ist es, wenn man einfach neutral bleibt. Vielleicht liegt es daran, dass ich in der Schweiz wohne, einem Land, dass sich “neutral” nennt. Vielleicht strebt in einem neutralen Land auch die Bevölkerung einen möglichst neutralen, unauffälligen Zustand an, wer weiss. Manchmal fühlt es sich für mich jedenfalls so an.

Wir müssen also irgendwann mal in unserem Leben gelernt haben, dass die Wut, die wir gerade raus lassen schlecht, die Trauer nicht gerne gesehen und die überschäumende Freude kein Zeichen von Bescheidenheit ist.

Und haben uns und unsere Gefühle dank diesen Bewertungen neutralisiert.

Es scheint mir, als wurden wir irgendwann mal zum GefühlsNeutrum. Oder so ähnlich. Man könnte jetzt sagen, dass daran ja nix falsch ist. Für alle die, die sich gerne in einer mittleren, neutralen Zone bewegen. 

Ich beobachte nur, dass für viele Menschen es echt anstrengend zu sein scheint, diesen GefühlsNeutrum Zustand aufrecht zu erhalten. Viele müssen sich grausam von ihren Gefühlen ablenken.

Jetzt denkst du vielleicht, ja aber einer hochsensiblen Person passiert das ja sowieso nicht, die sind ja ganz intensiv emotional. Die können vor den Gefühlen nicht weg springen.

Da hast du auf der eine Seite recht. Auf der anderen Seite erlebe ich immer wieder Hochsensible, die zwar ganz viel  fühlen, ihre Wahrnehmung aber permanent immer auf empfang gestellt haben. Da HSP so fein wahr nehmen, nehmen sie auch die Gefühle wahr die die Neutrums für ihren neutralen Zustand unterdrücken (übrigens vor allem hochsensible Kinder sind Meister darin, diese unterdrückten Gefühle bei sich wach zu küssen.)

Man ist als HSP also oft mit seiner Gefühlswahrnehmung nach aussen orientiert.

Was zum Einen sehr anstrengend sein kann, weil man Dinge fühlt, die andere (anscheinend) erfolgreich unterdrücken können (wieso kann ich das nicht bei mir?), zum Anderen nimmt man einfach Gefühle von anderen wahr (huuu, DAS will ich jetzt aber gerade nicht fühlen, das wirft mich aus der Bahn). 

Und was ist bitte schön mit den eigenen Emotionen? 

Kann es sein, dass es viel einfacher sein kann, sich mal kurz bei den anderen hinein zu fühlen als bei sich selber?

Kann es sein, dass du dir als HSP ein bisschen diese Schutzstrategie angeeignet hast?

Denn, und das wage ich jetzt einfach so zu behaupten, ich kenne viele Vielfühler, die einfach im Aussen sich mal überall rein fühlen, damit sie bei sich selber nicht fühlen müssen.

Das heisst nicht, dass es grundsätzlich schlecht ist, bei anderen zu fühlen, versteh mich nicht falsch!

Überhaupt nicht. Aber oft hab ich das Gefühl, ist es auch ein bisschen eine Schutzstrategie, um nicht bei sich selber hin fühlen zu müssen. 

Das verwirrt unglaublich, oder? Grundsätzlich haben wir doch einfach nur Schiss vor unseren eigenen Emotionen und Gefühlen. 

Ist es nicht viel einfacher zu sagen, dass es einem schier umhaut vor dieser schlechten, wütenden Energie der Nachbarin als zu sagen: “Wooow, ich spür gerade soooo viel Wut in mir!”

Vor was haben wir denn Angst?

Glaub mir, ich erlebe Hochsensible, die, wenn sie sich mal ganz bewusst uns mit sich selber verbinden und in sich hinein horchen und hinein fühlen mir sagen, dass sie gar nix fühlen. 

Das verwirrt unglaublich! Und kann ganz viel Angst machen, weil sie doch bei den Anderen so viel fühlen!

Wie kann denn ein Vielfühler bei sich nichts fühlen?

Die Antwort ist ganz einfach: Wir haben gelernt, unsere Gefühle zu unterdrücken. Nehmen wir beim anderen Wut wahr, ist es ja offensichtlich, dass das seine Wut und nicht meine ist. Nehmen wir beim anderen Trauer wahr, ist das auch seine. Wir sind dann einfach die armen Hochsensiblen, die die Gefühle der anderen nicht los werden.

Kann es sein, dass das, was wir im Aussen wahr nehmen auch immer Anteile von unseren unterdrückten Gefühlen wach küsst?

Kann es sein, dass wir selber, unbewusst auch immer diesen Neutrum Zustand anstreben und uns selbstgeisseln, wenn wir versagen und in unseren Emotionen versinken? Machen wir uns manchmal zum Opfer dieser intensiven Emotionalität?

Das hab ich mich vor einiger Zeit mal gefragt und weisst du was? Für mich musste ich all diese Fragen mit ja beantworten. 

Für mich war es viel einfacher zu sagen, dass ich jetzt bei meiner besten Freundin ganz viel Wut, Trauer und Ohnmacht wahr nehme. Das gehörte alles zu ihr und überhaupt nicht zu mir.  Und ich war dann schliesslich die arme Mimose, die die ganzen Dramen, Geschichten und schlimmen Emotionen, die schliesslich ja nicht mir gehörten nicht los lassen konnte.

Ich war frustriert, denn offensichtlich war es für die Menschen, die zu mir kamen, ihr Herz ausschütteten, um wieder in den neutralen Zustand zu kommen viel einfacher, wieder ein Neutrum zu werden als für mich.

Ich liess die Scheisse der anderen, die eigentlich nichts anderes machte, als meine Scheisse hoch zu kochen durch mich durch fliessen und versuchte danach verzweifelt wieder einen neutralen Zustand zu erreichen. Was nicht funktionierte denn meine Scheisse blieb an mir hängen. 

Ich wollte die Scheisse nicht betrachten, weil dies überhaupt nichts mit dem vorgelebten, neutralen Zustand zu tun hatte.

Aber hei, Scheisse wird oft überbewertet. Sie ist gar nicht so schlimm. Und wer sagt schon, dass dieses NeutrumLeben erstrebenswert ist? Mich hat es jedenfalls nicht erfüllt, dieses NeutralSein.

Irgendwann mal hab ich das Muster erkannt und bin daraus ausgestiegen.

1. Ich erkannte, dass es vollkommen ok ist, meine eigenen Gefühle zu fühlen.

Ich schloss Frieden mit meinen Emotionen und Gefühlen. Sie gehörten zu mir, sie waren ein Teil von mir und doch bin ich nicht meine Wut, meine Ohnmacht, meine Trauer. Das klingt jetzt vielleicht sehr verwirrend, ist es aber nicht. Gefühle kommen und gehen wie Wellen. Dieses Kommen und Gehen zu beobachten und nicht zu werten kann sehr befreiend sein.

Die Erkenntnis, dass mein Körper einfach mein Wahrnehmungsinstrument ist und dass er über Gefühle wahr nimmt war im Übrigen auch sehr befreiend für mich.

2. Ich erkannte, dass all die intensiven, unterdrückten Gefühle im Aussen meine eigenen waren.

Ich habe gelernt, meine Antennen bewusst nach aussen zu richten, dann, wenn ich die Erlaubnis habe, mich bei meinem Gegenüber einzufühlen. Heute kann ich unterscheiden, welche Emotion meine und welche deine ist.

Ich kann bewusst deine Gefühle bei dir lassen, wenn ich merke, dass es nix bringt, wenn du mir deine Scheisse übertragen und die Verantwortung für deine Gefühle nicht übernehmen willst. Das braucht aber Übung. Und wenn es Gefühle gibt, die nach dem Einfühlen bleiben, dann sind sie definitiv meine.

3. Ich hab die Angst vor meinen eigenen Gefühlen abgelegt.

Ich habe keine Angst vor Gefühlen. Ich habe auch keine Angst davor, sie zu zeigen. Auch nicht vor meinen Kindern. Wir können sogar darüber lachen, wenn die Mama am Morgen früh das Wutmonster auspackt, weil gerade keiner ins Auto einsteigen will und wir sowieso schon viel zu spät dran sind. Es gibt ein kurzes Donnerwetter, ich verschnaufe, fluche über das Wutmonster, lass es mit einem grossen “Rooooooaaaaaar” so richtig raus und danach sitzen wir alle lachend im Auto.

Wir versuchen, Wut, Trauer und Ärger nicht überzubewerten und nicht auf andere zu übertragen. Ich weiss, das ist nicht einfach, aber es lohnt sich. Schliesslich ist es ja meine Wut, wenn eine hoch kommt und dafür haben meine Kinder keine Schuld. Und wenn mein Kind in einem Wutanfall ausbricht habe auch ich das Recht, die bei ihm zu lassen. Es ist nicht immer einfach, ich weiss, aber für mein Wohlbefinden, mein Gleichgewicht essenziell.

4. Ich habe mir erlaubt, Gefühlsmanagement zu betreiben.

Dadurch, dass ich wirklich mir selber wieder erlaubt habe, meine Gefühle zu fühlen, zu weinen, los zu lassen, zu beobachten, was sich gerade zeigen möchte, hab ich gelernt mit meinen Gefühlen umzugehen. Und hei, ich hab echt mit mir kein Problem, wenn ich mitten in einer Gruppe von tanzenden Menschen stehe und weinen muss, weil es mich so berührt, dass sich jeder gerade so frei und leicht anfühlt.

Ich hab auch kein Problem mit mir, wenn ich mich gerade nicht gesehen, einsam oder traurig fühl. All die Gefühle dürfen da sein und sich zeigen. Ich glaube, das grösste Problem hätte ich mit mir, wenn ich mich in dieser Spirale von “ich muss möglichst ausgeglichen und neutral sein” wieder finden würde. 

Das funktioniert bei mir nämlich nicht.

Wenn du auch lernen möchtest mit deinen intensiven Gefühlen umzugehen und sie zu managen, dann zeige ich dir gerne in meinen Begleitungen wie das geht. Bis zum 23.9.18 hast du noch die Möglichkeit, in meinem Onlinekurs mit zu machen, der dich 17 spannende, intensive Wochen lang begleitet und dir unter anderem aufzeigt, wie du mit deinen Emotionen frieden schliessen und ins Gleichgewicht kommen kannst. Alles wichtige darüber erfährst du hier.