Bevor du voll und ganz in meinen Text eintauchst möchte ich von dir wissen, wie sich für dich Schule anfühlt und mich mit einer Frage an dich wenden:

Bitte schliesse mal kurz deine Augen, atme tief ein und aus und dann reise zurück in die Vergangenheit, als du noch Kind warst. So etwa 9, 10 Jahre alt. Verbinde dich mit der Schulzeit, sehe dich im Schulhaus, in deiner Klasse sitzen, vor deinem Lehrer stehen.

Wie fühlst du dich?

Verbinde dich mit einem der letzten Tage in den Sommerferien, kurz bevor die Schule wieder anfängt. Welches Gefühl macht sich in dir breit?

Wie war deine Schulzeit? Hast du sie echt gern gemacht die Hausaufgaben, die Prüfungen, hast du gerne gelernt? Warst du immer eine der besten und hattest viele Freunde, fühltest du dich durch die Schule getragen, in einem sicheren, sozialen Netzwerk geborgen und hast du jeden Tag freudvoll gelernt?

Dann gratuliere ich dir.

 

Viele haben eine etwas andere Erinnerung an Schule. 

Das habe ich begriffen, als ich vor knapp zwei Jahren an einem Infoabend bei uns im Dorf über den Lehrplan 21 teil nahm. Wir waren vielleicht 100 Erwachsene und mit dem einen oder andern hab ich ein paar Worte gewechselt. Was mir auffiel: Niemand hatte wirklich Lust auf diesen Abend. Die meisten nörgelten. Sätze vielen wie: „ach ja, mal schauen, was jetzt wieder kommt.“ „Ja weisch, da müssen unsere Kinder halt durch. Mussten wir auch.“ Oder „isch halt Schuel, weisch!“

Es war ein Schlüsselmoment, dieser Orientierungsabend. Denn kurz bevor die Schulleiterin anfing, uns zu orientieren, schaute ich mich um. Da sassen sie. Das sass ich. Alle mit einem flauen Gefühl im Magen. Ich fühlte mich wieder in die eigene Schulzeit zurück katapultiert und wartete darauf, bin die Schulleiterin mir erklärte, wie ihre Schule in Zukunft den Lehrplan 21 umsetzen wird.

Ich stellte mir im Inneren die Frage, ob das so richtig ist. Ob sich das für mich so richtig anfühlt. Man sitzt da, wartet auf Anweisung, auf neue Regeln, die man dann mürrisch umsetzen muss, ob sie einem gefallen oder nicht. Wir die Eltern, sind irgendwie nur mit halbem Herzen mit dabei, selbst haben wir uns teilweise durch die Schulzeit mit Ach und Krach durchgewurstelt. Wir hoffen insgeheim, dass unsere Kinder die Schule möglichst unbeschadet überstehen und  wir selber nicht mehr mit unseren alten Schulthemen konfrontiert werden. (sofern wir welche haben.)

Mir wurde erklärt, dass wir Eltern es waren, die dem Lehrplan21 vor ein paar Jahren in einer Abstimmung zugestummen haben.

Aha. Also sind wir alle wieder mal selber Schuld an dem ganzen Schlamassel.

Selbst Schuld, wenn man ein Problem mit dem Konstrukt Schule hat, sich nicht wohl fühlt, das eigene Kind sich nicht wohl fühl.

Selbst schuld, wenn das mit dem Integrieren, dem Lesen und Schreiben auf Knopfdruck nicht funktioniert.

 

Es geht aber nicht um Schuld!

Und genau das haben, so glaube ich, noch viele Beteiligte nicht begriffen.

Ich ich bin weder Politikerin, noch Pädagogin, noch in irgend einer Bildungskommission tätig. Ich bin eine Mutter von drei Kindern, die immer wieder auf Eltern trifft, die angstvoll darauf hoffen, dass ihr Kind möglichst unbeschadet und ohne grosse Komplikationen die Schulzeit übersteht. Ich treffe auf unzählige Erwachsene, die mir sagen, dass sie auch schon die Schule, entschuldigung für meinen Ausdruck, scheisse fanden und ihre Kinder da jetzt halt durch müssen.

Ich treffe auf Eltern die unerbittliche, traurige Machtkämpfe mit Lehrern und Schulleitungen kämpfen, auf Kinder, die dem Druck offensichtlich nicht gewachsen sind. 

Ich treffe auf Erwachsene, die mir einreden wollen, dass das alles schon richtig so ist, denn in der Wirtschaft, dann wenn die Kinder erwachsen sind, wird das nicht einfacher mit dem Druck. 

Ich höre von Lehrern, die Kinder bestrafen, vom Unterricht ausschliessen, einen unfairen Kampf gegen sich und ihre Schüler kämpfen.

Ich höre von Schulleitungen, die mit Kesp und Bussen drohen, wenn Eltern sich nicht an Anweisungen halten und an Gesprächen teilnehmen wollen.

 

Und immer wieder frage ich mich: muss das sein? Muss es denn immer einen Schuldigen für die Misere geben?

Kommen wir so weiter?

Schule ist ein komplexes Thema, ich weiss es. Das Leben selber ist es auch. Fakt ist, dass wir wissen, dass unser Schulsystem dem Zeitgeist jämmerlich hinterher hinkt.

Fakt ist, dass Schule viele Kinder krank und untragbar für die kleine Leistungsgesellschaft Schule macht, in der sie sich einzuordnen hat. Wer nicht mitziehen kann, muss integriert, gefördert, speziell unterstützt oder mit Medikamenten ruhig gestellt werden. 

Fakt ist, dass sich viele Lehrer nicht mehr wohl fühlen in ihrem Job.

Fakt ist, dass viele Eltern bewusst oder unbewusst angst davor haben, dass ihr Kind versagen könnte.

 

Und wer ist jetzt schuld an dem Ganzen? Die Eltern? Die Kinder? Die Lehrer, die Politik?

Keine Ahnung. Ehrlich gesagt, interessiert es mich nicht. Denn die Schuldfrage lenkt ab vor dem eigentlichen Problem. Sie lässt keine konstruktive Begegnung zu in der alle beteiligten auf Augenhöhe miteinander diskutieren können.

Schuldfragen lähmen und lenken ab. Sie lassen uns im Kreis des Problems drehen und ersticken jegliche kreative Lösungen.

 

Liebe Schule, sind nicht die Kinder deine Kunden? Ist nicht der Kunde König?

Wie wäre es, einmal den Kindern ein Ohr zu schenken und hin zu lauschen was sie brauchen, um freudvoll lernen zu können.

Ihr lieben Politiker, ihr unterstreicht immer gerne, dass die Volkschule eine einzigartige Klammer unserer Gesellschaft darstellt, in der sich Kinder und Eltern aus unterschiedlichen Verhältnissen treffen und voneinander lernen dürfen. Mir gefällt dieser Ausdruck sehr. Aber kann es sein, dass diese Klammer im Moment ein bisschen sehr unangenehm am Klemmen ist? Dass sie überall ein bisschen piekst und ziept? 

Kann es sein, dass für viele diese Klammer schon fast unerträglich geworden ist und Wunden aufreisst, die schon fast nicht mehr heilen?

Kann es sein, dass ihr mit Argusaugen auf die schaut, die sich aus der Klammer lösen und für ihre Kinder eine alternative Schulform wählen?

 

Unsere Volkschule verhindert eine Mehrklassengesellschaft, sagt ihr.

Ich bin ganz sicher auch gegen eine Mehrklassengesellschaft, frage mich aber immer wieder, existiert diese nicht jetzt schon? Ist es denn heute nicht so, dass sich nur sehr gut betuchte Eltern eine Privatschule für ihre Kinder leisten können? 

Könnte es sein, dass mehr Eltern eine alternative Schule wählen würden, wenn sie die finanzielllen Möglichkeiten dazu hätten? 

Wäre es da nicht viel fairer für alle, die gerne einen alternativen Bildungsweg wählen wollen, dass sich dies alle Eltern und Kinder aus unterschiedlichen Verhältnissen leisten könnten? Die freie Bildungswahl würde das mit Bildungsgutscheinen jedenfalls ermöglichen.

 

Raus aus der Schuld, rein in cokreative Lösungen.

Ich treffe aber auch auf wache Eltern, die das Gespräch mit Schulleitungen und Lehrer suchen, die sich von der Glücksschule, Martina Amato, Gerald Hüther oder André Stern und anderen wunderbaren Wandlern inspiriert fühlen. 

Ich treffe auf mutige Mütter und Väter, die mir sagen, dass es Zeit ist für einen Wandel, dass sie für ihr Kind sich etwas anderes wünschen als den Leidensdruck, den sie damals erfahren mussten und den ihr Kind im Moment erfährt. 

Ich treffe auf mutige Lehrpersonen, Pädagogen und Freidenker, die anfangen, neue Wege zu suchen finden und umzusetzen, um ihren Kindern und sich selber die Freude am lernen zurück zu bringen. 

Ich treffe auf Menschen, die bereit sind, ein Teil vom Wandel zu sein. 

Und ich glaube ganz stark, dass sich auch die Politik früher oder später mit all diesen Menschen beschäftigen und für die Volksschule ein paar Verbesserungsvorschläge einholen darf, damit sie nicht plötzlich auf die Note ungenügend absackt.

Die Volksschule wird sich wohl erst ändern, wenn wir damit aufhören zu kämpfen. Wenn Schulleitungen und manche Lehrer damit aufhören, gegen Kinder und Eltern zu kämpfen, die nicht in ihr System zu passen scheinen. 

Wenn Eltern aufhören, die ganze Verantwortung der Schule abzuschieben und mit geschlossenen Augen und Ohren hoffen, dass ihr Kind möglichst unbeschadet sich durch die Schulzeit wurschtelt. Unsere Kinder fordern Eltern, die hinter ihnen und nicht neben der Spur stehen.

Schule wird sich ändern, wenn sich immer mehr Lehrer bewusst werden, wie sie denn gerne ihren Job ausführen möchten. Ich glaube fest daran, dass jeder Lehrer Freude daran hat, Kindern und Jugendlichen etwas beizubringen.

Das darf auf Augenhöhe geschehen.

In Verbindung, in Beziehnung mit den Kindern. Klar und absolut verständlich ist da, dass es am meisten schwer fällt, mit den „schwierigen“ Kindern eine Beziehung aufzubauen. Sind es aber nicht sie, die diese Beziehung am meisten fordern?

 

Unsere Gesellschaft wandelt sich schnell

Viele Eltern begleiten ihre Kinder heute bindungsorientiert ins Leben. Erziehung findet hier auf Augenhöhe, auf einer anderen Ebene statt. Diese Kinder sind sich gewohnt, eine Stimme haben zu dürfen, und von Anfang an als vollwertige Menschen gesehen zu werden.

Genau diese Kinder fordern nicht nur von ihren Eltern sondern auch den Bezugspersonen in Schulen oder ihren Freunden dieselbe Art und Weise von Begegnung. Sie wollen gleichwertig sein, sie wollen gesehen und ernst genommen werden. Wird über sie hinweg entschieden stehen sie oft auf die Hinterbeine, geben kund, wenn sich etwas nicht stimmig anfühlt. Weil sie es so gelernt haben.

Diese Kinder sind weder Terroristen, noch Verweigerer, noch Saugoofen, die ihren unfähigen Eltern auf der Nase herum tanzen. Sie sind junge Menschen, die gesehen werden wollen und spüren, wenn ihnen jemand oder etwas nicht gut tut. Sie kennen ihre Bedürfnisse weil sie gelernt haben, diese nicht zu unterdrücken. Sie spüren die Bedürfnisse ihres Gegenübers. Und so kommt es vielleicht vor, dass ein Kind sagt: „Meine Lehrerin lacht, aber sie lacht doch nicht!“ Oder „Mein Lehrer lügt. Er erzählt Dinge, an die er selber nicht glaubt.“

Wir Erwachsene können viel von diesen Kindern lernen, was authentisches, ehrliches Leben und das erspüren der eigenen Bedürfnisse und das einer Gesellschaft angeht.

 

Und so fordern wohl immer mehr Kinder eine Schule, die authentisch ist. Eine Schule, die IHNEN entspricht, denn sie sind es, die diese Schule besuchen und formen wollen.

Nicht die Wirtschaft, nicht die Politik und auch nicht die Eltern.

Vielleicht dürfen wir in Zukunft dem Rechnung tragen und den Wandel wagen.

 

Inspirierende Bücher zum Thema:

Die Glücksschule

Das Buch Glücksschule nimmt dich mit auf eine Reise, um diese und viele weitere Themen tief zu erforschen und zu befreien. Es unterstützt dich in deinem inneren Wandel und öffnet dir unzählige neue Möglichkeiten um wirklich dein wahres inneres Potential zu entfalten und zu erkennen, wer oder was du wirklich bist!

Die Bewegung zum Buch: Glücksschule

Basierend auf dem Buch ist die Bewegung “Glücksschule” entstanden, die sich basierend auf einem inneren Wandel für einen grundlegenden Wandel an der öffentlichen Schule einsetzt:

www.gluecksschule.ch

Schule einfach anders.

Als eine ihrer Töchter nach nur wenigen Wochen Schule nicht mehr aufstehen möchte, sucht Martina Amato aus Oberkirch zusammen mit ihrer Familie nach einem Ausweg und entscheidet sich für Homeschooling. Die persönlichen Erfahrungen ihrer Familie hat sie im Buch „Schule EINFACH anders“ dokumentiert. Und schreibt in ihrem Blog immer wieder über das einfache Leben.

 

Spielen, um zu fühlen, zu lernen und zu leben.

André Stern, der mit seinem Buch … und ich war nie in der Schule einen Bestseller landete und seither auf Veranstaltungen Säle füllt, hat ein fesselndes Plädoyer für bedingungsloses Vertrauen in die natürliche Entwicklung unserer Kinder verfasst. Statt Leistungsoptimierung und Konkurrenzdenken setzt er auf die individuelle Entwicklung und das eigene Tempo des Kindes. “Das Spiel ist für das Kind die direkte Art, sich mit dem Alltag, mit sich und mit der Welt zu verbinden. Für Kinder ist das freie Spiel ein Bedürfnis. Eine Veranlagung, ein Hang, oft ein Drang. Es ist für das Kind eine tiefe Erfüllung.”